26: CAMPE – "FRIEDRICH CAMPENS TAGEBUCH

während seiner Reise, angetreten den 6. Februar 1802." Deutsche e. (autografe) Hs. des Verlegers Friedrich Campe auf seiner ersten Reise nach Paris. Verschied. Tinten auf festem Bütten. Dat. Hamburg, Oldenburg, Amsterdam, Paris etc. 6. 2. – 2. 3. 1802. 12º (15,9 x 9,6 cm). 35 nn. Bl. (und zahlr. leere). Pgt. d. Zt. mit übergreifender Deckellasche, Falttasche im Vorsatz und Schließband (etw. fleckig, berieben und bestoßen). (15)
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Eine bisher unbekannte Quelle zur Biografie des bedeutenden Nürnberger Bilderbogen-Verlegers August Friedrich Andreas Campe (1777-1846). Das Tagebuch erhellt Campes Reisetätigkeit im Frühjahr 1802, von der man nur soviel weiß, wie es Elisabeth Reynst in ihrer Monografie beschrieb: „In diese Zeit fällt eine Reise nach Paris und vermutlich auch London, an die sich ein Abstecher nach Italien in Gesellschaft des Nürnberger Diakons von St. Egidien, G. J. F. Seidel anschließt (dessen Predigten Campe später verlegt)“ (S. 27). Gotthold Emanuel Friedrich Seidel (1774-1838) besuchte in der Tat mit Campe Paris, er wird im Tagebuch mehrfach erwähnt, doch sind die beiden eigenständig angereist.

Vor Reiseantritt hatte Campe sich am 22.11.1801 zusammen mit seinem älteren Stiefbruder August Campe, ebenfalls Verleger, ein Haus in Hamburg an der Ellernbrücke gekauft, wo sie eine Buchhandlung in Verbindung mit einem literarischen Museum einrichteten. Das väterliche Erbe hatte dies ermöglicht, und davon kaufte sich Friedrich Campe auch sogleich bei dem „Hofpfalzgrafen“ Friedrich Wilhelm Hezel noch ein Doktor-Diplom. Dieser war dazu durch das Amt berechtigt und machte davon als Professor in Gießen auch reichlich Gebrauch. Am Jahreswechsel 1801/02 befand sich Hezel in Hamburg, wo Campe die Urkunde am 1. Januar erworben hat. Danach konnte er die hier (zum Teil) beschriebene Reise vorbereiten, die in etwa vier Wochen von Hamburg über Harburg, Bremen, Oldenburg und Leer in die Niederlande – mit Neuschanz, Windschoten, Groningen, Leeuwarden, dann von Harlingen mit dem Schiff nach Enhuizen und weiter auf dem Landweg nach Amsterdam, mit Aufenthalt einiger Tage, über Haarlem und Leiden nach Den Haag, Rotterdam, Breda, Antwerpen, schließlich über die Schelde nach Brüssel führte. Das 1793 zerstörte Valenciennes wurde am 26. Februar erreicht. Nie habe er einen „traurigeren und zugleich empörenderen Anblick von den Kriegsschäden gehabt wie hier.“ Am 28. 2. ist Paris erreicht, wo Campe u. a. das Palais Royal, den Louvre, die Tuilerien und das Pantheon besuchte. Einquartiert hat er sich im Hotel Beauvalet, wo auch sein Freund Seidel wohnte. Am 2. März bricht das Tagebuch ab. Im Sommer 1802 ist Campe dann in Nürnberg nachweisbar, wo er ab 1805 bis zu seinem Tod als Buchhändler gewirkt hat (vgl. A. Jegel, Friedrich Campe, Nürnberg 1948, S. 10). Ein Anlass der Reise könnte gewesen sein, dass sich sein berühmter Onkel Joachim Heinrich Campe, der bereits 1789 zusammen mit Alexander von Humboldt in Paris gewesen ist, auch 1802 für mehrere Monate in der Stadt aufhielt.

Friedrich Campe beschreibt Orte, Gebäude, Gasthöfe, Speisen etc. und schildert Reiseerlebnisse anschaulich und genau (darunter der Genickbruch eines Postillons bei Oldenburg). Die deutschen Herbergen empfindet er oft als sehr ungepflegt. Von Holland ist er angetan; er hebt die schönen Städte und die Freundlichkeit der Menschen hervor. Insbesondere Amsterdam machte großen Eindruck auf ihn, er verbringt hier einige Zeit und sucht (am 15. 2.) mehrere Buchhändler und Verleger auf, deren Adressen er hinten im Band notiert hatte. Dann besuchte er das Gebäude „Felix meritis“ der Amsterdamer philantropischen Gesellschaft mit ihrem bedeutenden Konzertsaal. Rotterdam sei auch sehr groß, aber nicht so schön wie Amsterdam. Brüssel, wo er eine öffentliche Gerichtsverhandlung besucht, sagt ihm überhaupt nicht zu. Unter dem 24. Februar trägt er ein, es sei eine „finstere, schmutzige, schlecht gebaute Stadt“. Die Gegend hinter Brüssel sei allerdings „außerordentlich schön“. An der Pariser Grenzkontrolle bemerkt er, dass er seinen Pass verloren hatte, doch war dieser glücklicherweise von einem ehrlichen Maurer wiedergefunden worden. Der erste Eindruck von Paris sei nicht mit London zu vergleichen, es fehlten hier die Landhäuser, „das Ackerland geht bis an die ersten Häuser“, die äußeren Straßen sähen geradezu ärmlich aus, die Häuser „ekelhaft besudelt“ und mit papiergeflickten Fenstern, und bettelnde Straßenkinder liefen auf den Wagen zu. In der Stadt verlöre sich zwar diese Art von Armseligkeit, doch sei es auch dort schmutzig. Überhaupt mangle es an Geschmack und Stil: „Es ist eigen, daß der Franzose im Ganzen so wenig eigentlichen Geschmack hat, obwo(h)l er (…) doch viel zeigt. Die Nation liebt erstaunend das Bunte und geschmacklos zierlich Leichte. Dies sieht man in ihren Stuben, an ihren Häusern, auf ihren Schildern, in ihrem Anzuge und selbst in ihrer Handschrift. Von der rechtlichen Solidität der Engländer ist keine Spur da.“ Er trifft „Freund Seidel“, nimmt Quartier im selben Hotel und lässt sich dann sofort zum Palais Royal, zum Louvre, den Tuilerien „nebst Garten“ und zu den Champs Élysées bringen. Das Palais Royal macht Eindruck auf ihn, der Garten aber sei voll von Menschen, und besonders von „leichten Dirnen, die in unbegreiflicher Zahl herumschwärmen und sich höchst unzüchtig betragen“. Louvre und Tuilerien seien groß und prächtig, und der vortreffliche Garten der Tuilerien „ein Sammelplatz der Leute von Stand“. Hier seien Maßnahmen in Vorbereitung, alles mit „eisernem Gitterwerk“ zu umgeben. Am Abend besuchte man das Théâtre des Vaudevilles. Vom 1.-3. März fand der Karneval in Paris statt. Dazu schreibt Campe: „Ganz Paris ist verrückt. Seit 15 Jahren hat man so viel Lärm nicht gesehen wie diesmal. Alt und Jung läuft und kirt (von kirren = schreien) herum. Es ist ein Narrenvolk (…) Die Regierung hat den Carneval selbst aufgemuntert“. Das Volk solle bei „guter Laune erhalten“ werden, dass es „nicht allein über die Theuerung der Lebensmittel“ spreche. Überhaupt werde alles Alte „nach und nach wieder hergestellt, selbst Religionsmißbräuche“. Am Abend besuchten die Freunde eine Theatervollstellung in der Comédie-Française („Theatre aux Francois“) und am zweiten März noch das Pantheon.

Am Ende des Bandes hatte sich Campe mehrere Adressen von Buchändlern, Buchbindern und Verlegern notiert, meist in Amsterdam, darunter der Buchhändler und Verleger Poster. Unerklärlich bleibt, warum die Aufzeichnungen bei der Beschreibung des Pantheons abrupt abbrechen, mitten im Satz, am Ende einer recto-Seite. Das verso bleibt leer wie auch die folgenden Blätter, der Lagenverbund ist intakt, nichts wurde entfernt. Campe hat in diesem Band offenbar keinen weiteren Eintrag gemacht. Vielleicht wurde ihm das Tagebuch entwendet oder er hat es verloren. Daher bleibt es weiterhin im Dunklen, wie lange die Reise dauerte und wohin sie noch führte. – Starkes Papier mit dem bekannten „Pro-Patria“-Wasserzeichen. – Leicht fleckig und kaum gebräunt.