12: FIGURENGEDICHT – "DIEßES IST ZU SEHEN

in den ersten Buch in den vier und vierzigsten Kapitel." Deutsche Handschrift in Form eines Figurengedichtes (Carmen figuratum). Wohl Südwestdeutschland, um 1700. 22,8 x 11,7 cm. 1 Seite. (157)
Startpreis: 500 - 700,- €


In feinster Miniaturschrift mit der Feder ausgeführt, bildet der Text des gesamten 44. Kapitels der Genesis die Linien einer Zeichnung, ein reich verzierter Kelch. In diesem Bibelabschnitt wird geschildert, wie die Brüder Joseph ihre Schuld bekennen, ihn nach Ägypten verkauft zu haben. Das Schuldeingeständnis ist hier als Voraussetzung der Vergebung geschildert. Die Geschichte kann damit als typologische Präfiguration der Sündenvergebung durch das Blut Christi verstanden werden. Der Kelch, der mittels des Textes dargestellt wird, ist natürlich ein Abendmahlskelch. Durch die Schrift, die zum Bild wird, verbinden sich beide Aussagen in diesem Carmen figuratum zu einer Einheit. Die literarische Präfiguration des Alten Testaments wird so zur tatsächlichen Figur des Kelches, der seinerseits Symbol für die Erlösung als zentraler Aussage des Neuen Testaments ist.

Dieses theologische Figurengedicht dürfte im protestantischen südwestdeutschen Raum in der Zeit um 1700 entstanden sein. Dafür spricht zumindest der Name, der am Ende des Bibeltextes steht, „scrib(ebat) Seeger“, besonders im südwestdeutschen Raum häufig; mehrere Träger des Namens kamen für eine Zuordnung in Frage, doch war keiner davon zu dieser Zeit ein professioneller Schreiber oder gar Schreibmeister. Das Kolophon ohne Jahreszahl „zu dyser Walpurg. Nacht“. Unsere Datierung erfolgte anhand von Papier, Schrift, Gattung und Aussage sowie den Schreibweisen des Deutschen. – Auf Bütten ohne Wasserzeichen. – Mit kleinen Brüchen im Falz alt aufgezogen und auf mod. Trägerkarton aufgelegt, leicht gebräunt und fleckig.