737: HANDSCHRIFTEN – MOZART – "DIE ENTFÜHRUNG AUS DEM SERAIL.

Opera in drey Akten vom Herrn Mozart." Deutsche Musikhandschrift auf festem Bütten. Nicht dat., wohl um 1810/20. Qu.-Gr.-4º (31,2 x 43 cm). 148 S., 2 nn. Bl. 12 schablonengezogene Zln. (tls. unregelmäßig). Läd. Hldr. d. Zt. mit Deckeltitel "Die Entführung aus dem Serail. Eine Oper von Mozart". (118)
Startpreis: 400 - 600,- €


Der komplette, soweit feststellbar ungekürzte Klavierauszug der „Entführung“ (Köchel 384) in einer Handschrift, die wenig Anhaltspunkte zur Datierung gibt. Vergleiche mit den gedruckten Klavierauszügen zwischen 1783 (den frühesten des Abbé Starck bei Schott in Mainz, von Mozart nicht autorisierten) bis 1818 (der dritten Auflage bei Breitkopf & Härtel), soweit digitalisiert verfügbar, konnten den Sachverhalt nicht klären. Soweit nachvollziehbar, scheint hier nicht die Abschrift eines gedruckten Klavierauszugs vorzuliegen. Schon die ersten Takte der Ouvertüre weisen gewisse Eigenständigkeiten, fast schon Eigenmächtigkeiten, auf, die so nirgends vorkommen, wie im siebten Takt, wo der Terzen-Vorschlag des ersten Viertels quasi den Akkord ersetzt und nun eine Terz höher als bei Mozart vorgesehen erklingt. Solche Freiheiten kommen hier immer wieder vor und ziehen sich durch das Manuskript. Der Schreiber hatte offenbar keinen gedruckten Klavierauszug zur Vorlage, natürlich auch nicht jenen von Torricella in Wien, der von Mozart selbst erarbeitet worden war, von dem aber nur die Ouvertüre erhalten ist (vgl. Haberkamp I, 179). Aufgrund der Übereinstimmungen in der Schreibweise des Titels liegt es zumindest nahe, dass der vorliegende Auszug nach dem bei Simrock in Bonn um 1813 erschienenen Erstdruck der Partitur (VN: 949) angefertigt worden ist. Der Titel lautet hier: „Die Entführung aus dem Serail. Opera in drey Ackten, in Musik gesetzt von W. A. Mozart“ (dasselbe auch Französisch, RISM A/I M 4246). Von daher könnte man auch die Verwendung der Schlüssel bei den hohen Gesangsstimmen erklären, die hier auch für die rechte Hand des Klaviers übernommen worden sind (eine Terz tiefer als der übliche Violinschlüssel). Jedoch lassen sich die erwähnten Eigenständigkeiten des Manuskripts auch nicht mit der Partitur erklären, die diese eben nicht aufweist, sondern nur durch bewusste Freiheiten des Schreibers bei der Umsetzung in den Klavierauszug. Dieser ist damit in jedem Fall ein sehr interessantes Zeugnis für die noch relativ frühe handschriftliche Verbreitung von Mozarts populärer „Türkenoper“.

Am Ende, auf der Vorderseite des letzten Blattes, eine ebenso interessante Abschrift, aber in etwas anderem Schriftduktus: „Wiener sogenannte Ochsen Menuet, par: Jos. Haydn“. Dieses berühmte Stück (Hoboken IX:27), das wohl gar nicht von Haydn, sondern von seinem Schüler Seyfried stammt, liegt hier ebenso in sehr freier Form vor, bis hin zu dem Zusatz für das Trio „alla Ungarese“, der in Drucken gar nicht erscheint, sich aber auf eine Variante der Anekdote der Schenkung des Ochsen als Dank für das Menuett durch einen Bauern beziehen könnte, nach der dieser Bauer ein Ungar war. Diese Schrift ist hier deutlich flüchtiger als die sehr klare und kräftige der „Entführung“; vielleicht könnte es sich sogar um eine Aufzeichnung nach dem Gedächtnis handeln. – Im oberen Rand leicht beschnitten, tls. unter Verlust der Paginierung. – Durchgehend einheitlich gebräunt, stellenw. leicht fleckig.