35: WIEN – "REISE VON WELS NACH WIEN.

Aufenthalt in Wien. Ausflüge von Wien auf das Land. Rückreise nach Wels." Reisetagebuch des Carl Eigl aus Wels. Deutsche Handschrift auf Bütten. Dat. Wien, 24. 9. (1)830. 20 x 12,3 cm. Lose Lagen, ohne Einband. (35)
Startpreis: 600 - 800,- €


Ein kulturhistorisch sehr interessanter Reisebericht eines neugierigen jungen Mannes, der alles, was er in der großen Stadt und ihrer Umgebung Neues und Unbekanntes sieht, festhalten möchte; geschrieben in einer Zeit, als sich das bürgerliche Leben kräftig zu entwickeln begann und die Epoche des Wiener Biedermeier ihren Höhepunkt erreichte. Der Schreiber, Carl Eigl, wohnte zum Reisezeitpunkt noch bei seinen Eltern. Er sollte später eine juristische Laufbahn einschlagen und bis zum Bezirksrichter in Obernberg (Oberösterreich) aufsteigen. Die Reisenden von Linz bis Wien sind bis auf zwei Unbekannte namentlich gelistet, darunter sein Bruder Anton, ein Jurist, der in Wien blieb und auf der Rückreise nicht mehr dabei war. Die anderen Reisenden stammten aus Frankreich, der Schweiz, Polen, Kremsmünster, Linz etc. Die Gruppe dürfte sich spätestens in Wien getrennt haben. Mit „wir“ werden die Brüder Eigl und ihr Begleiter gemeint sein. Dieser machte die jungen Leute mit mehreren Wiener Persönlichkeiten bekannt, öffnete ihnen Türen. Es war ein Herr von Fischer, der sie in Linz abholte und die Reisegesellschaft nach Wien begleitete. Die Reisedaten sind nicht genau angegeben, nur die Wochentage. Der Antritt muss am Freitag, den 10. 9. 1830 gewesen sein, am Freitag, 24. 9, entstand unser Bericht noch in Wien, Samstag und Sonntag erfolgte die Rückreise, diese Tage wurden also nachgetragen. In Wien bezog man Quartier im „Grashof“ (auf dem Titel: „Grashof 699, 21. St.b.“ – 699 war die damalige Hausnummer im 21. Stadtbezirk, heute Grashofgasse 4, das Gebäude wurde 1898 abgebrochen. Der Gastgeber war ein Herr Haidvogel). Die ersten Stadtspaziergänge führten auf die Bastei und in den Volksgarten: „Ein vorzüglicher Vereinigungspunkt für die schöne Welt ist besonders das Cortische Kaffeehaus in den sogenannten Paradiesgärtchen auf der Löwel Bastey“ (S. 10). Dieses beliebte Kaffeehaus und seine umgebenden prachtvollen Gärten, von denen man einen herrlichen Blick über die Wiener Vorstadt gehabt haben muss, wurden 1859 dem Bau der Ringstraße geopfert. Sie waren Teil des Volksgartens, der im Anschluss besichtigt worden ist. Ausführlich werden der Theseus-Tempel und Canovas Skulpturen beschrieben, dann der kaiserliche Garten. Vorbei an der Hofburg und dem Erzherzog-Carl-Palais ging es zur Augustinerkirche, die man besichtigte. Besonders würdigt Eigl Canovas Trauerdenkmal für die 1798 verstorbene Erzherzogin Marie Christine, das 20.000 Dukaten gekostet habe. Am Nachmittag dann ein Ausflug nach Schönbrunn mit Botanischem Garten und Menagerie, deren Tiere aufgelistet werden. In der Nähe besuchte man den Regierungsrat Baron von Sala, der sie freundlich empfing. Am nächsten Tag stand die Hofbibliothek auf dem Programm, deren Bau und Bestände ausführlich beschrieben werden. Am Nachmittag wurde das kaiserliche Zeughaus besichtigt. Wo immer möglich, wurden Theatervorstellungen besucht. Das Theater an der Wien sei von allen „das größte und schönste Schauspielhaus“ (S. 28). Am Freitag wurde die „Wasser Cur-Anstalt auf dem Glacis“ besucht, das sogenannte „Wasserglacis“, einer der beliebtesten Vergnügungsorte der Wiener dieser Zeit. Dann sah man sich die Ambraser Sammlung im Unteren und die kaiserliche Gemäldesammlung im Oberen Belvedere an (mit Auflistung, was es in den Sälen und Kammern zu sehen gab). Ungeplant fuhr man nach Meidling und besuchte den schon damals stark auf deutsche (preußische) Touristen ausgerichteten Vergnügungsort „Tivoli“, der erst Anfang des Monats September 1830 eröffnet worden war: „Auf der Anhöhe ist ein herrlicher Salon mit Säulen und beständige Musick entweder von (der) Gynlag Regimentsbande oder von der Straußischen Bande“ (die erste war wohl die Militärkapelle eines k&k Regiments, letztere das Orchester von Johann Strauss (Vater), der 1830 auch den „Tivoli-Rutsch Walzer“ komponiert hat. Danach wurde der Penzinger Friedhof besucht (mit über zwei Seiten Auflistung von Monumenten Bestatteter). Am nächsten Tag machte man kleinere Ausflüge ins Umland, das Brühltal (Tal der Mödling) und Gaaden bei Mödling, dann, am Sonntag, weiter zu Stift Heiligenkreuz, Helenenthal und zur Ruine Rauchenstein. Am Montag Nachmittag besuchte man die Roßau, den Augarten „am Ende der Leopoldstadt“ und schließlich den Prater, „ein großer Lustwald mit schönem Hirschengrunde“; der Dienstag war Stadtspaziergängen gewidmet, der Mittwoch ebenso, darunter der „herrliche Schwarzenbergsche Garten“ und diverse Häuser, eine weite Wanderung führte dann nach Grinzing. Am Donnerstag wieder Stadtspaziergänge, ausgehend vom Kaffeehaus am Josephsplatz. Auf der Bastei begegnete man unerwartet Erzherzog Franz. Den Freitag verbrachten die Reisenden in Laxenburg und besuchten das dortige kaiserliche Lustschloss (ausführlich beschrieben). Am Samstag erfolgte die Rückreise, doch wollte es sich Eigl nicht nehmen lassen, am Vormittag noch das „Brasilianische Museum“ in der Johannesgasse zu sehen (der Vorläufer des heutigen Naturhistorischen Museums). Am Abend war es dennoch möglich, noch ausführlich die Synagoge zu besuchen. Danach der Abschied „von meinem Bruder u. Hn. v. Fischer“, dann ging es zur Post, und Eigl bestieg den Eilwagen. Am nächsten Tag erreichte er morgens Melk und um zwei Uhr in der Nacht Wels, „wo ich dann freudig dem väterlichen Hause zueilte“. – Auf dem Deckbl. Tintenflecke und Federschwünge, anfänglich und am Ende etw. fleckig und gebräunt, sonst weitgehend recht sauber.