6: PILGERSCHRIFTEN – LUDOLF VON SUDHEIM – SAMMELHANDSCHRIFT

Frühe Sammlung von Pilgerliteratur, lange verschollen, mit einer Überlieferung von „De itinere terrae sanctae“ des Ludolf von Sudheim, zwei weiteren Pilgerschriften sowie einigen anderen Texten. Lateinische und deutsche Handschrift auf Papier. Fragment. Nicht dat. Wohl Frankfurt, 2. Hälfte 15. Jhdt. und 16. Jhdt. Ca. 22,5 x 15 cm. Mit einigen kleinen Initialen in Rot; meist rubriziert. 83 nn. Bl. – Etw. beschäd. Holzdeckelband d. Zt. mit breitem Ldr.-Rücken. (83)
Schätzpreis: 25.000,- €
Ergebnis: 26.000,- €


Umfangreiches Fragment einer spätmittelalterlichen Sammelhandschrift im ursprünglichen Einband. – Ihren Hauptbestand bilden drei Pilgerschriften, die im heutigen Zustand insgesamt 135 Seiten am Beginn des Bandes einnehmen. Sie sind von einer Hand in gleichmäßiger Bastardschrift mit einigen Kürzungen geschrieben. – Im Kopfsteg der heutigen ersten Seite findet sich der Eintrag „Manuscripta de diversis“, wohl aus dem 19. Jahrhundert; den Vermerk im Fußsteg „No. 1693. C. fr. O. P.“ von anderer, wohl noch dem 18. Jahrhundert zuzuordnender Hand, konnte Ludwig Conrady in seinem Werk über „Vier Rheinische Palaestina-Pilgerschriften“, das auch die erste und bislang einzige ausführliche Publikation zu unserer Handschrift liefert, als Signatur des Frankfurter Dominikanerklosters erkennen (Conrady 1882, S. 10; siehe dazu unten).

Ludwig Conrady (1833-1907) war der Bruder des Juristen und Archäologen Wilhelm Conrady (1829-1903), der die umfangreiche Sammlung von Archivalien und Handschriften auf der Mildenburg (bei Miltenberg, Unterfranken) von dem Gelehrten Friedrich Gustav Habel (1792-1867) geerbt hatte. Habel hatte die Manuskripte großteils von dem Mainzer Bibliothekar und Historiker Franz Joseph Bodmann (1754-1820) erworben (Götze 1877, S. 146). Ludwig Conrady hatte als einer von wenigen das Privileg des Zugangs zu dem bedeutenden Bestand und konnte die Handschrift für seine Forschungen zu nutzen. Zuvor hatte unser Manuskript nur in dem Verzeichnis der Sammlung auf der Mildenburg, das der Archivar Ludwig Götze erstellte, eine knappe Erwähnung gefunden: „Beschreibung einer Reise nach dem Gelobten Lande. Ms. saec. XV. 4°. Papier. 1 ½ Cm stark“ (Götze 1877, S. 202).

Conrady gibt in dem Kapitel „Der Pilgerführer und das Pilgerschriftbruchstück des Miltenberger Handschriftenbandes N. 1693“ eine kodikologische Beschreibung und einen Überblick über den gesamten Inhalt der Handschrift (S. 1-19), außerdem bietet er eine diplomatische Abschrift von zwei der drei enthaltenen Pilgerschriften (S. 20-48). Auch kann Conrady aufgrund mehrerer Indizien die Entstehung der Handschrift in Frankfurt belegen (S. 4, 10/11): Das Wasserzeichen, der Buchstabe „p“ in Form der gotischen Minuskel, finde sich nach Auskunft des Frankfurter Stadtarchivars Hermann Grotefend (1845-1931) auch in Frankfurter Inkunabeln aus der Sammlung Bodmann und spreche somit für rheinische Herkunft; ferner gleiche die Schrift der drei von derselben Hand geschriebenen Pilgerberichte Frankfurter Handschriften aus der Zeit um 1475. – Einen expliziten Hinweis auf Frankfurt gibt schließlich der Randvermerk „utinam et in hic fra(n)ckofo(r)dia“ zu einer Stelle, in der Ludolf über die persische Stadt Susa sagt, daß es dort keine Juden gebe. Auf dieser Grundlage ist die oben bereits angeführte Auflösung der Kürzungen in dem Signaturvermerk am Fußsteg der ersten Seite als „C(onventus) fr(atrum) O(rdinis) P(raedicatorum)“ plausibel, also die Herkunft der Handschrift aus dem Frankfurter Dominikanerkloster. – Im hinteren Teil des Manuskriptes findet sich ein ganzseitiger Eintrag in Bleistift, offensichtlich von der Hand eines Schülers: „Dieses Manuskript habe ich auf den Neujahrstag 1813 von Herrn Professor Schütz, zum Geschenk erhalten. Franz Karl Giebel. Da nobis pacem!!! o Jesu!“, dazwischen das Jesusmonogramm IHS und die Jahreszahl 1813 im Strahlenkranz. Auch dieser Schenkungsvermerk weist auf Frankfurt, da dort am Beginn des 19. Jahrhunderts am Gymnasium ein Professor namens Schütz wirkte, der auch als Lehrer an einer katholischen Knabenschule unterrichtete. Nicht zuletzt deutet die als Spiegel verwendete Pergamenturkunde, ausgestellt im 15. Jahrhundert für einen Frankfurfter Stiftsvikar, auf Frankfurter Provenienz.

Conrady beschrieb auch bereits die Zusammensetzung der Lagen und der fehlenden Blätter (S. 2, Anm. 2), wobei er im Detail wohl irrt. Aus der Zusammensetzung der Lagen ist jedenfalls ersichtlich, daß von ursprünglich wohl 100 Blättern heute noch 81 vorhanden sind. Außerdem ist zu vermerken, daß das dritte Blatt der Handschrift oben und am Rand Ausschnitte und unten einen Abriß mit etwas Textverlust aufweist. Lose nachgebunden ist ein Doppelblatt.

Wie bereits erwähnt, wurden die drei Pilgerschriften am Beginn des Sammelbandes von einer Hand geschrieben. Der Schriftspiegel ist einspaltig (14 x 8,5 cm) und umfaßt jeweils 28 bis 30 Zeilen. Alle drei Texte sind rubriziert und weisen am Rand Marginalien mit Angaben zum Inhalt auf; die Marginalien stammen großteils wohl vom Schreiber des Textes, einzelne wurden wenig später ergänzt. Mit kleinen roten Initialen ist jedoch nur der erste der drei Texte gegliedert.

Bei der ersten Pilgerschrift handelt es sich um ein umfangreiches Fragment einer lateinischen Fassung des Pilgerberichtes „De itinere terrae sanctae“ des Ludolf von Sudheim über seine Reise in das Heilige Land in den Jahren um 1336-1341. Über Ludolf ist wenig bekannt. Er war unter Bischof Gottfried von Osnabrück (1321–49) Geistlicher in der Diözese Osnabrück und dann „rector ecclesiae“ im westfälischen Pfarrdorf Sudheim (auch Suthem; früher verlesen als Suchem). Seinen Reisebericht widmete er dem Paderborner Bischof Balduin von Steinfurt, dessen Todesjahr 1362 so einen Terminus ante quem für die Abfassungszeit liefert. Ludolf gibt „einen gedrängten Überblick über die Sakraltopographie sowie die politischen, religiösen und sittlichen Zustände im Heiligen Land“ (Brall-Tuchel 2012, S. 157). Dabei benutzte er offenkundig den wenig früher entstandenen Text des Wilhelm von Boldensele, doch enthält sein Bericht darüberhinaus wertvolle eigene Beobachtungen. Die Überlieferungsgeschichte des in zwei lateinischen, aber auch in nieder- und hochdeutschen Übertragungen bekannten Textes ist bis heute nicht abschließend geklärt (vgl. besonders Gadrat-Ouerfelli 2017; eine Liste der bekannten Handschriften zuletzt bei Halm 2001, S. 37-40, dabei verzeichnet er unser Manuskript (Nr. 24) irrig als: „Miltenberg, S(taats)A(rchiv), Bestandteil der Habel’schen Sammlung, Hs. 1963 (!)“). Unser bislang nicht publiziertes Fragment umfaßt im heutigen Zustand 55 Blätter (von ursprünglich wohl 64 Blättern). Es entspricht wohl im Wesentlichen der von Deycks edierten sogenannten Paderborner Fassung (Deycks 1851). Dabei setzt es mit dem Aschnitt über die Länder „Barbaria und Pugia“ ein: „Barbaria de qua ud dixi est terra multu(m) zabulosa et deserta“ (vgl. Deycks 1851, S. 7) und endet in dem Abschnitt über Damaskus bei der Beschreibung eines wundertätigen Christusbildes (vgl. Deycks 1851, S. 101).

Es folgen zwei weitere Fragmente von Pilgerschriften. Beide wurden von Conrady in diplomatischer Abschrift mit Auflösung der Kürzungen ediert und eingehend kommentiert (Conrady 1882, S. 20-46 und 46-48). – Das erste Fragment umfaßt 23 Seiten. Es beginnt unvermittelt mit den Worten „tam cito et in tali mome(n)to oc(u)li, qu(o) calcat(ur) t(er)ra sancta, tu(n)c ibid(em) incipiu(n)t indulgentie papales a p(eniten)c(i)a et culpa, remissio om(n)i(um) peccami(num).“ – Conrady nimmt aufgrund von inhaltlichen Merkmalen an, daß dieser Bericht wohl um 1350 bis 1370 entstand, also wenig später als der des Ludolf von Sudheim (Conrady 1882, S. 5-8). Der Verfasser stammte seiner Meinung nach aus Frankfurt und war vermutlich ein Franziskanermönch (Conrady 1882, S. 8-14).

Auf den folgenden beiden Seiten findet sich noch eine weitere kleine Pilgerschrift. Sie nennt einige Stationen auf dem Rückweg aus dem Heiligen Land, nämlich Myra (heute Demre) in Lykien, die Insel Rhodos, Modon (auch Methoni) auf der Peloponnes und die Insel Korfu. Erwähnt werden insbesondere Kirchen und Kapellen mit ihren Reliquienschätzen. Der Text beginnt mit den Worten „It(e)m mirrea est quodda(m) opidulu(m) situ(m) iuxta mare in thurci terra et in pede montis“. – Auch hier weist der Inhalt nach Conrady auf eine Frankfurter Herkunft des Verfassers und der Text sei wohl um die Mitte des 14. Jahrhunderts entstanden (Conrady 1882, S. 14-19).

Die deutschen und lateinischen Texte auf den anschließenden Blättern wurden von verschiedenen Händen teils noch im 15. Jahrhundert, teils im 16. Jahrhundert eingetragen. Sie sind bei Conrady erwähnt (S. 3-4), aber nicht ediert:

  1. Nach den Monaten von Januar bis Dezember geordnete Angaben zu Speisefischen in deutscher Sprache. 2 Seiten.
  2. Ein deutsches Rezept für eine Gallerte mit der Überschrift „Item ey(n) gutt galletin zu machen findestu hernoch geschrieben“. 1 Seite.

III. Drei lateinische Rezepte für Heilmittel gegen die Pest. ½ Seite.

  1. Lateinische Texte („Figurae“) zum Leben Jesu. 8 ½ Seiten.

Das am Ende lose angeheftete Doppelblatt enthält nach Conrady ein Fragment einer deutschen, wohl Mainzer Chronik, geschrieben wohl in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts.

 

Zustand: Am Ende etw. wasserrandig und mit winzigen Wurmspuren, leicht fleckig. – Siehe Abbildung.

 

Beiliegt Fragment einer Urkunde („Der erst gesellschaft brieff), datiert „Im Straßburger Bistum“, 15. 8. (unser Frawentag der eren) 1352, in einer Abschrift des 15. Jahrhunderts.

 

Literatur:

Ferdinand Deycks, Ludolphi, rectoris ecclesiae parochialis in Suchem, De itinere terrae sanctae liber. Nach alten Handschriften berichtigt (Bibliothek des literarischen Vereins in Stuttgart, Bd. 25), Stuttgart 1851.

 

Ludwig Götze, Die archivalischen Sammlungen auf Schloss Miltenberg in Bayern, in: Archivalische Zeitschrift, Bd. 2, 1877, S. 146-203.

 

Ludwig Conrady, Vier rheinische Palaestina-Pilgerschriften des XIV., XV. und XVI. Jahrhunderts. Wiesbaden 1882, S. 1-48.

 

Reinhold Röhricht, Bibliotheca geographica Palaestinae. Chronologisches Verzeichniss der auf die Geographie des Heiligen Landes bezüglichen Literatur von 333 bis 1878 und Versuch einer Cartographie, Berlin 1890, S. 76-79, besonders Nr. 24.

 

Christian Halm (Bearb.), Europäische Reiseberichte des späten Mittelalters. Eine analytische Bibliographie. Hrsg. von Werner Paravicini, Tl. I: Deutsche Reiseberichte. 2. Aufl. Frankfurt u. a. 2001, S. 36-44

 

Helmut Brall-Tuchel, Unterwegs im Heiligen Land. Rheinische Pilgerberichte des 14. Jahrhunderts zwischen Tradition und Augenschein, in: Ders. (Hrsg.), Wallfahrt und Kulturbegegnung. Das Rheinland als Ausgangspunkt und Ziel spätmittelalterlicher Pilgerreisen. Erkelenz 2012, S. 143-171, besonders S. 156-161.

 

Christine Gadrat-Ouerfelli: Identité(s) d’un voyageur médiéval: Ludolf de Sudheim. In: Damien Coulon, Christine Gadrat-Ouerfelli (Hrsg.): Le voyage au Moyen Âge: description du monde et quête individuelle. Presses universitaires de Provence, Aix-en-Provence 2017, S. 95–104.

 

Susanna Fischer, Zur Überlieferung lateinischer Pilgertexte: Strukturierung, Auswahl und Sammlung der Informationen über das Heilige Land, in: Mittellateinisches Jahrbuch 53 (2018), S. 78-104, besonders S. 100-103.

 

 

 

 

Long lost collection of early pilgrim literature

 

Extensive fragment of a late medieval manuscript collection bound in contemporary, somewhat damaged wooden boards with a wide leather spine. Approx. 22,5 x 15 cm.

 

From the composition of the layers it is evident that from originally around 100 leaves today
81 are still present, one leaf shows some loss of text, because small pieces were cut out and the lower part was torn off.  Loosely attached at the end is a double leaf. – Three pilgrim writings from the 14th century form the main part of this volume, including the travelogue of Ludolf von Sudheim “De itinere terrae sanctae”. In its present state it takes a total of 135 pages on the beginning of the volume. They were written by one hand, in a uniform bastarda with some cuts, in the second half of the 15th century.

The first and so far only detailed publication on our manuscript comes from the Pastor Ludwig Conrady (Vier rheinische Palaestina-Pilgerschriften des XIV., XV. und XVI. Jahrhunderts. Wiesbaden 1882, hier S. 1-48). Ludwig Conrady (1833-1907) was the brother of the jurist and archaeologist Wilhelm Conrady (1829-1903), who inherited the extensive collection of archival documents and manuscripts kept at the Mildenburg (a castle near Miltenberg, Lower Franconia) from scholar Friedrich Gustav Habel (1792-1867). Thus he had the privilege of access to the important collection and was able to use the manuscript for his research.

Conrady is able, on the basis of several indications, to identify the signature note on the bottom of the first page “No. 1693. C. fr. O. P.” as “C(onventus) fr(atrum) O(rdinis) P(raedicatorum)” and thus prove the provenance of the manuscript from the Frankfurt Dominican monastery.
An explicit reference to Frankfurt is also made in the volume by the marginal note “utinam et in hic fra(n)ckofo(r)dia” to a passage in which Ludolf says that there are no Jews in the Persian city of Susa.

The first pilgrimage script is an extensive fragment of a Latin version of the pilgrimage report “De itinere terrae sanctae” by Ludolf von Sudheim about his journey to the Holy Land in the years around 1336-1341, created between 1350 and 1362.  The history of the text, known in two Latin as well as in Low and High German translations, has yet to be conclusively clarified.
Our so far unpublished fragment comprises in its present state 55 leaves (of originally probably 64 leaves). It corresponds essentially to the so-called Paderborn version edited by Deycks (Ferdinand Deycks, Ludolphi, rectoris ecclesiae parochialis in Suchem, De itinere terrae sanctae liber. Nach alten Handschriften berichtigt, Stuttgart 1851). – This is followed by two further fragments of pilgrim scriptures, one 23 pages long, and the other two pages long.

According to Conrady, who offers a diplomatic transcript with extensive commentary, both were written by a Frankfurt clergyman in the 14th century.

The German and Latin texts on the following pages were written by various hands partly still in the 15th century, partly in the 16th century, including a calendar about fish (2 pages), three Latin recipes for remedies against the plague (½ page) and Latin texts (“Figurae”) on the life of Jesus Christ (8 ½ pages). The double leaf loosely attached at the end contains, according to Conrady, a fragment of a German, probably Mainz chronicle, written possibly in the second half of the 15th century.