998: BRAHMS – MARKS, G. W.,

Der musikalische Kinderfreund am Pianoforte. Eine Auswahl der schönsten und beliebtesten Opern-Arien, Märsche, Tänze und Lieder im leichtesten Arrangement für die ersten Anfänger. Von G. W. Marks. Heft [4; hs. Eintrag] (von wahrscheinlich 10). Hamburg, Cranz, o. J. und Plattennr. (wohl 1843). Fol. Mit lithogr. Titelvign. 1 Bl., S. 27-34 (lithogr. Titel und gestoch. Notentext). Hldr. d Zt. mit goldgepr. Rtit. und goldgepr. Supralibros (Krone über dem Buchstaben M auf dem Vorderdeckel; etw. beschabt und bestoßen). (28)
Schätzpreis: 1.500,- €
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Unter dem Pseudonym "G. W. Marks" hat Johannes Brahms nachweislich zumindest eines seiner frühen Klavierwerke publiziert. Ob diese in einer Folge von Heften erschienenen Arrangements auch von ihm stammen, ist von der Forschung noch nicht abschließend geklärt worden. Im Brahms-Handbuch (hrsg. von Wolfgang Sandberger, Stuttgart 2009) heißt es dazu im Kapitel über die kleineren Jugendwerke (S. 344): "Gerade zu Brahms’ früher kompositorischer Entwicklung bis etwa Mitte der 1850er Jahre gehören auch kleinere Klavierkompositionen. Dabei gab es zweifellos weit mehr Kompositionsversuche und Gelegenheitskompositionen, als heute bekannt sind (vgl. BraWV, 660f.) … Brahms benutzte dieses Pseudonym [G. W. Marks] in jungen Jahren, um für den Verleger Cranz ‘beliebte Opernmelodien für den Kleinverschleiß schmackhaft herzurichten’ (Kalbeck I, 57)." Träfe dies auch hier zu, dann hätte Brahms als etwa zehnjähriger Junge bereits begonnen, erste Arbeiten zu veröffentlichen. Dies waren Arrangements beliebter Nummern aus Opern, von Tanzmusik, Liedern und anderen kleinen populären Stücken. Gedruckt wurden diese, eingerichtet für zwei – und vierhändiges Klavier, von dem Hamburger Verleger Cranz. In der Forschung ist allerdings gemutmaßt worden, daß sich noch andere Komponisten hinter dem Pseudonym verborgen hätten. Allerdings wird nicht klar, aus welchem Grund dies geschehen sein soll. Schon als Siebenjähriger hatte Brahms Klavierunterricht bei Otto Friedrich Willibald Cossel erhalten und ab 1843 von dem Hamburger Komponisten Eduard Marxsen, der ihn in Klavier und Komposition unterrichtete (von daher könnte die Wahl des Pseudonyms zu erklären sein). Die Serie des Musikalischen Kinderfreundes, von dem wahrscheinlich zehn Hefte erschienen sind, ist von größter Seltenheit. Selbst die Datenbank über den Gesamtbestand des Brahms-Instituts in Lübeck verzeichnet lediglich das erste Heft, im RISM-online sind diese Drucke gar nicht erfaßt. Zudem sind sie in den über den KVK zu erreichenden Katalogen gewöhnlich falsch datiert, nämlich einige Jahre zu spät. Eine Rezension von Hirschbachs "Musikalisch-kritischem Repertorium" gibt den entscheidenden Anhaltspunkt zur Datierung. Hätte der Kritiker indessen geahnt, daß der Autor des "Kinderfreunds" vielleicht selbst noch ein Kind gewesen ist, wäre sein Urteil wohl nachsichtiger ausgefallen: "Verfolgt der Kinderfreund auch keine pädagogischen Zwecke, so ist der Sammlung doch nachzusagen, dass sie lauter leicht in die Ohren und Finger fallende befingerte Stückchen enthält. Freilich wurde bei dieser herausgesuchten Leichtigkeit die Originalität mancher Arie, der Schluss manches Chor’s etc. mit Füssen getreten, allein für Uebung im Notenlesen und zur Erholung für kleine Musikjüngerteufelchen mag diese Sammlung zweckmässig genug genannt werden." (1. Jg., 1. Heft, Leipzig, Januar 1844, S. 400, Nr. 144).

Unser Heft enthält die Stücke Nr. 74-98. – Die querovale Titelvignette zeigt zwei Kinder beim vierhändigen Klavierspiel, ein Mädchen und einen Jungen mit längerem gescheitelten Haar. Hierbei fühlt man sich geradezu an Brahms erinnert (und dann wäre dies wohl das früheste der bekannten Porträts). – Über den KVK sind zwar einige der Hefte der Folge nachweisbar, das unsere allerdings nur einmal. – Gering gebräunt. – In einem Sammelband mit ca. zehn weiteren sehr seltenen Ausgaben von Klavierstücken des mittleren 19. Jahrhunderts, viele davon in St. Petersburg gedruckt, darunter Werke von Henri Bertini, L. Beyer, Adolph von Henselt, François Hünten, Louis-James-Alfred Lefébure-Wély, Charles Levy, George Alexander Osborne, Henri Ravina, Henri Rosellen und Charles Voss sowie der "Marche funèbre" von Frédéric Chopin, hier entnommen aus der Sammlung "Le pianiste du jour. Choix de compositions modernes et brillantes", erschienen in St. Petersburg und Moskau. – Der Sammelband aus dem Besitz und mit dem Supralibros von Maria Maximilianowa de Leuchtenberg (1841-1914), der zweiten Tochter von Maximilian de Beauharnais und dessen Frau, der Zarentochter Maria Nikolajewna Romanowa.