922: BOIELDIEU, (F.) A.,

Le Calife de Bagdad, opéra en un acte de St. Just Daucourt. Mise en musique et dédié à Bidault, peintre de la nature. Représenté sur le Théâtre de L'Opéra Comique le 29 fructidor an 8eme. Paris, Erard, und Lyon, Garnier, o. J. (Plattennr. 3; 1800). 29,2 x 23,2 cm. 1 Bl., 187 S. (Titel und Notentext, alles gestochen). Mod. Hldr. um 1930/40 (gering fleckig). (9)
Schätzpreis: 500,- €


Titelausgabe im Jahr der ersten Ausgabe. – Vgl. Eitner II, 95. MGG II, 70. Hirsch II, 73. – Seltener Druck der Partitur der am 16. September 1800 in Paris mit großem Erfolg uraufgeführten einaktigen "Türkenoper", hier auf dem Titel neben dem Impressum des Pariser Erstdruckers Erard auch noch dasjenige des Verlegers Garnier aus Lyon angegeben. Im RISM (ID-Nr. 1000000657) sind von dieser Ausgabe lediglich zwei Exemplare verzeichnet, die sich in Washington und St. Petersburg befinden.

Bei unserem Exemplar kommt aber noch eine editionsgeschichtliche Besonderheit hinzu, denn es diente im 20. Jahrhundert zu einer deutschen Neubearbeitung der Oper unter dem Titel "Der Kalif von Bagdad, komische Oper in einem Akt", herausgegeben von Fritz Schröder. Schröder war in den dreißiger Jahren Oberspielleiter der Oper in Königsberg. Für die dortige Inszenierung des "Kalifen" hat er die Partitur in eine deutsche Fassung übertragen, wobei ihm die bloße Übersetzung des Textes nicht ausreichte; er nahm sowohl inhaltliche wie musikalische Veränderungen an der Originalpartitur vor, insonderheit fügte er zwei Stücke ganz neu hinzu, ein "Strophenlied", "übernommen aus ‘Le petit Chapeau ruge’ von Boieldieu mit freier Textunterlegung" (vier eingefügte handschriftliche Blätter) und eine Arie des Harun unter Verwendung von Musik aus dem 1803 entstandenen Singspiel "Elbondocani" von Johann Ruldolf Zumsteeg (sechs Blätter). Außerdem nahm Schröder gelegentliche Abänderungen vor mittels einzelner eingefügter oder umgeänderter Takte, die hier in Form von Tekturstreifen und ergänzenden Blättern in die Partitur eingeklebt sind. Weiterhin nahm er handschriftliche Korrekturen an der Dramaturgie und den Regieanweisungen vor und trug den deutschen Gesangstext ein. Das Exemplar verschafft so sehr interessante Einblicke in die Vorgehensweise eines Bearbeiters, der trotz größerer Eingriffe mit Kenntnis und Behutsamkeit sowie Achtung vor dem Original vorgegangen ist. Daß er sich dazu einen Partiturdruck aus dem Entstehungsjahr beschaffte, zeigt, wie wichtig ihm die Originalfassung war, zumal die Oper in vielen Bearbeitungen des 19. Jahrhunderts bekannt und verbreitet ist. Seine Partitur und zwei Stimmhefte für den Chor veröffentlichte Schröder 1938 im Eigenverlag in Königsberg. Diese beiden Notenhefte liegen unserem Druck bei, der Titel der Partiturausgabe ist hier der Originalpartitur vorgebunden. Von Schröders Hand stammen zahlreiche Anmerkungen in grüner Tinte, eingeklebte Textpassagen und Notenarrangements. – Titel angefalzt und im Rand verstärkt; Ränder tls. berieben, etwas stock – und fingerfl., leicht gebräunt.