893: HANDSCHRIFTEN – TANZMUSIK –

"Verschiedene aus den neuen Geschmacke Polkas, et Gallopen, Tanz-Walzer etc. gewidmet und dedicirt von Josef Labietzky – Straus – Hillmar etc. etc. für das Piano et Forte, gehöret dem Franz An. Wen. Fech derzeit Schullehrer in Eisenbrod." Deutsche Musikhandschrift auf Bütten (Notenalbum) mit ca. 30 Musikstücken, fast alles Tänze, eingerichtet für Klavier. Nicht dat. Eisenbrod (heute Zelezny Brod, Tschechien), um 1845. Qu.-4º (23,8 x 31,2 cm). Mit gezeichnetem und aquarelliertem Titel (in Pag.) unter Verwendung von Druckgraphik (Veduten und Bordüre). 64 num. Bl., 1 nn. Bl. Hldr. d. Zt. mit hs. Deckelschildern ("Spielbuch für das Forte-Piano ..." und "Nro 24") und Schließbändern (etw. beschabt und bestoßen). (14)
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In Nordböhmen von einem musikliebenden, klavierspielenden Lehrer eingerichtete Sammlung mit Kompositionen von Carl Maria von Weber ("Oberon"-Ouvertüre am Beginn), Daniel-François-Esprit Auber (ein Potpourri aus der Oper "Gustave III"), dem "böhmischen Walzerkönig" Joseph Labitzky und Johann Strauss Vater. Zahlreiche Werke stammen von heute weniger bekannten tschechischen und österreichischen Komponisten wie Prochazka, Svoboda, Labitzky ("Wien-Prager-Eisenbahn-Polka"), den auf dem Titel erwähnten Frantisek Matej Hilmar, Gung’l, Tutsch ("Alpen Echo Galopp") und Döbler, meist aus den Jahren um 1844. Von Johann Strauss Vater sind der Walzer "Wiener Früchteln", Op. 167, der sogenannte "Valhalla-Toast" und der "Asträa-Walzer", Op. 156, enthalten. Letzterer ist unter dem Titel "Austria Tänze" geführt, was klar erweist, daß unsere Handschrift zumindest bei einigen Stücken keine Drucke zur Vorlage gehabt haben kann, sondern eher schlecht lesbare Handschriften. Besonders kurios ist der "Ehestands-Freuden Galopp" von dem Wiener Militär-Kapellmeister Joseph Gung’l, der erst dann so richtig in Fahrt kommt, wenn das Kind durch ein Wiegenlied eingeschlafen ist – wie am Rand erklärt. Möglicherweise sind einige der Stücke vom Eigner des Albums selbst für Klavier arrangiert worden. In jedem Fall handelt es sich um ein aufschlußreiches Zeugnis der Verbreitung von heute fast vergessener Tanzmusik in der Wiener Art von Lanner und Johann Strauss Vater (das ist der "neue Geschmacke") in der nordböhmischen Provinz kurz vor der Jahrhundertmitte. – Besonders schön der collagenartige Titel mit verschiedenen Ansichten böhmischer Gebäude, teils gemalt, teils unter Verwendung ausgeschnittener und kolorierter Graphik. – Etw. fleckig und gebräunt.