892: HANDSCHRIFTEN – KIRCHENCHORÄLE – "CHORÄLE.

C. W. Schmeil. 1778." Deutsche Notenhandschrift auf kräftigem Bütten. Dat. Sorau (heute Zary, Westpolen) 1778. Qu.-8º (14,9 x 19,9 cm). 91 S., 5 nn. Bl., weitere 9 Bl. mit handgezogenen Notensystemen und 4 weiße. Ldr. d. Zt. mit reicher Vg. und Marmorpapiervorsätzen (leicht beschabt und bestoßen). (14)
Schätzpreis: 800,- €
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Für die Begleitung des Gemeindegesangs auf der Orgel in sauberer Schrift angelegtes Choralbuch, das die Stücke nicht nach dem Kirchenjahr sondern nach ihrem Textanfang alphabetisch anordnet. Die Choräle reichen von "Ach alles was Himmel und Erde" bis "Herr Gott dein‘ Gewalt". Danach folgen auf neun Seiten Choräle "gesetzt von Johann Christoph Kühnau, Cantor und Lehrer, bey der Realschule in Berlin". Der Komponist und Kirchenmusiker Kühnau (1735-1805) war für die evangelische Kirchenmusik in Berlin im späten 18. Jahrhundert von einiger Bedeutung. Er lehrte an der Realschule von 1763-1783. In seinem Werk "Alte und neue Choralgesänge" finden sich die Choräle unserer Handschrift wieder (darunter: "Herr Gott! Dich loben wir").

Warum die alphabetische Folge auf Seite 91 unvermittelt abbricht und sicherlich von derselben Hand anschließend die Kühnau-Choräle eingetragen wurden, läßt sich nur schwer erklären. Geplant war ursprünglich wohl, für die Folge den gesamten Bereich der bereits gezogenen Notenlinien zu nutzen; auf den unbeschriebenen Blättern am Ende sollte wohl ein Register erstellt werden. Angelegt wurde das Manuskript durch jenen "C. W. Schmeil", der sich in großer goldener Zierschrift auf dem vorderen Vorsatz nennt. Bei ihm handelt es sich um Carl Wilhelm Schmeil, einen Predigerssohn aus Reinswalde (heute Zlotnik, Westpolen). Er wurde im Jahr 1760 geboren und besuchte von 1775-1781 das Lyzeum in Sorau. In dieser Zeit hat er, noch als ganz junger Mann, das Choralbuch begonnen, das genannte Jahr 1778 bezeichnet wohl den Beginn der Niederschrift. 1781 wechselte er auf die Universität nach Leipzig. Damit dürfte er das Werk abgebrochen und nur noch die Choräle nach Kühnau eingetragen haben. Zurückgekehrt nach Reinswalde, wurde er dort 1789 zum Cantor substitutus erwählt und erhielt 1791, nach dem Tod des bisherigen Kantors, dessen ganze Stelle, die er bis 1796 ausübte. Dies war deshalb möglich, "da er sich auf der Schule und Universität mit Musik beschäftigt hatte" (Joh. Fr. Conradi, Kirchen-, Prediger – und Schulgeschichte der Herrschaften Sorau und Triebel, Görlitz 1803, S. 109). Das wahrscheinlich wichtigste Zeugnis dieser Studien dürfte vorliegendes, bisher unbekanntes Manuskript sein, das neben vielen der gängigen Choräle des Protestantismus auch weniger verbreitete enthält, insbesondere jene, die dem Halleschen Pietismus entstammen, darunter auch auf Texte von Christian Friedrich Richter (z. B. "Der schmale Weg ist breit genug"). – Buchblock leicht verschoben, leicht fleckig und gebräunt.