87: JASCHA – "DIE GROßE BRÜCKE.

Symphonische Dichtung von Carl Höhle". E. Musikmanuskript des Komponisten auf Papier. Wohl Österreich, um 1945. 34,2 x 27,5 cm. 31 nn. Bl. (und 2 weiße). Lose Lagen, ohne Einband. (58)
Schätzpreis: 1.000,- €

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Das großangelegte, nicht ganz vollendete Werk füllt das 28zeilige Notenpapier mit vorgedruckten Orchesterstimmen komplett, ist demnach für sehr großes Symphonieorchester konzipiert, mit besonders vielen Blechbläsern und Schlagwerk. Es stammt von einem Komponisten, der entweder völlig unbekannt geblieben ist oder hier ein Pseudonym benutzt hat. Da es aber kaum vorstellbar ist, daß ein sonst nie in Erscheinung Getretener ein solches Werk schafft, muß es sich bei dem Namen Carl Höhle (auf einer Beilage, siehe unten, auch Karl Höhle) um ein Pseudonym handeln. Allein schon die Anlage für ein derart großes Orchester setzt die Bekanntheit des Schöpfers voraus, sonst wäre die Möglichkeit einer Aufführung kaum je gegeben gewesen. Da sich weder Datum noch Ort in dem Manuskript finden, lassen sich weitere Schlüsse nur aus dem Inhalt des Werks ermitteln, seiner Programmatik. Glücklicherweise finden sich Notizen dazu gelegentlich in die Partitur eingeschrieben. Auf der dritten Seite der erste Eintrag: "Am Heimweg von der Schule träumen 2 Jungen von der Zukunft. Sie wandern durch den Wald und lassen der Romantik freien Lauf. Der eine von ihnen will Weltreisender werden und anderen große Brücken bauen." Beim Herauskommen aus dem Wald trifft die Träumerei unvermittelt auf die brutale Realität: "Begegnung: Marsch der Zwangsarbeiter" heißt es hier, ein düsterer Marsch in f-Moll kündigt Unheil an. Ein Zug von Zwangsarbeitern kommt näher und marschiert an den zwei "jungen Studenten" vorbei. Plötzlich löst sich ein Kind aus der Kolonne und bittet die beiden um Brot. Sie geben ihm ein Stück, doch die Wachmannschaft bemerkt dies: "ein S.A. Mann reißt dem Kind das Brot aus der Hand und wirft es zu Boden, er verabreicht ihm einige Peitschenschläge und begibt sich wieder an die Spitze der Kolonne." Doch erneut stecken die beiden dem Kind das Brot zu, widersetzen sich also ausdrücklich der Gewalt, diesmal jedoch unbemerkt und mit Erfolg. Der Marsch entwickelt sich noch etwas, teils mit vollem Orchester, um schließlich leise zu verklingen. Es geht jedoch nicht erfreulicher weiter, ein "Klagelied" bildet den nächsten Abschnitt: "16 Monate später kommt eine Mutter an das Grab ihres Sohnes (des Brückenbauers), der ‘für Führer und Reich’ gefallen ist". 31 Takte lang wird dieser Klagegesang mit einiger Chromatik nur von der Soloklarinette vorgetragen, wohl am jüdischen Klezmer orientiert. Dann setzt das Orchester wieder ein, es folgt ein "Gebet", vorgetragen von den Blechbläsern, ein Choral. Mit dem erneuten Einsatz des ganzen Orchesters sind auch Glocken zu hören, Symbole der christlichen Religion und Verkünder des Kriegsendes. Schließlich ein Allegro: "Nach dem Krieg – das Leben regt sich". Diese Schilderung wird vom ganzen Orchester, sogar mit Solovioline, noch einige Dutzend Takte weitergeführt, dann wird der Orchestersatz immer dünner, bis er in einem Schlußakkord endet, doch sind in diesem Finale nur noch die Blechbläser durchgehend auskomponiert, die anderen Stimmen fehlen. – Das Werk dürfte dem Inhalt nach wohl kurz nach 1945 entstanden sein; stilistisch ist es eher einfach gehalten, tonal und nur wenig von moderner Tonsprache geprägt; einfache Melodien, vielfach von Märschen, sind häufig.

Der Komponist kann möglicherweise über einen beiliegenden Walzer unter dem Titel "Praterzauber" erschlossen werden. Dieses Manuskript im Querformat ist ebenfalls für großes Orchester konzipiert und nur am Anfang voll orchestriert, danach mit durchlaufenden Einzelstimmen. Hier ist als Verfasser "Karl Höhle" angegeben. Ein Walzer dieses Titels ist von dem Wiener Operetten-Komponisten Oskar Jascha (1881-1948) bekannt. Jascha hatte die NS-Zeit im Exil überdauert und war 1945 nach Wien zurückgekehrt. Vielleicht war er jüdischer Herkunft. In Wien war er von 1945 bis zu seinem Tod für Radio Wien tätig und leitete Aufführungen des Großen Rundfunkorchesters (was die große Orchesterbesetzung der vorliegenden symphonischen Dichtung erklären würde).

Auf Papier "J.E.&Co Protokoll. Schutzmarke", das im frühen 20. Jahrhundert verbreitet war (benützt unter anderem von Bartók und Webern). – Etw. fleckig und gebräunt. – Weiterhin beiliegend das Fragment eines Marsches für Blasorchester (Seiten 5-17, auf der letzten endend, auf dem gleichen großen Notenpapier wie die "Brücke").