83: ALBUM AMICORUM – STAMMBUCH VON JOHANNES PETRUS GEHSE,

Student der Theologie aus Halberstadt. Mit ca. 220 Einträgen, überwiegend aus Halle. Dat. 1744-64. Qu.-8º. Mit kalligraphiertem Titel, 8 Gouachen (davon 7 auf Pergament) und 16 tls. kolor. Kupferstichen (tls. montiert). 3 Bl., CCCXXXVIII S. (von alter Hand paginiert), 1 Bl. (darunter wenige weiße Blätter und Seiten). – Braunes Kalbldr. d. Zt. mit reicher Goldprägung auf beiden Deckeln und Rtit. "Stammbuch" (beschabt). (4)
Schätzpreis: 3.000,- €
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Ergebnis: 1.500,- €


Nahezu vollständig gefülltes Stammbuch mit einigen Gouachen als außergewöhnlichen Beigaben. – Johannes Petrus Gehse – Lebensdaten konnten wir nicht ermitteln – bezeichnet sich auf dem 1749 datierten Titel, in dem er das Album "patronis, fautoribus et amicis" widmet, selbst als Studenten der Theologie aus dem askanischen Halberstadt. Fast drei Viertel der Beiträge, meist von Studenten der Theologie und der Rechte, entstanden in den Jahren 1749 und 1750 in Halle. Das spricht dafür, daß er sein Studium dort 1749 aufgenommen hat. Doch sind in das Stammbuch auch einzelne frühere Erinnerungsblätter aus den Jahren 1744-48 eingebunden. Viele Beiträger hat Gehse später mit einem kleinen Kreuz als verstorben markiert, manchmal ist dazu auch die Todesursache angegeben oder die letzte berufliche Stellung. Ein alphabetisches Register auf drei Seiten am Ende seines Stammbuches hat er wohl mehrfach ergänzt, jedoch ist es nicht vollständig.

Mehrere Einträge entstanden im Frühjahr 1748 in Magdeburg. Etwa der Beitrag von Georg Gottfried Hutschenreiter (um 1802-1767), Rektor der Magdeburger Klosterschule, deutet darauf hin, daß Gehse vor seinem Studium hier zur Schule ging. Zu erwähnen sind ferner Johann Friedrich Olearius (1697-1750), Pastor der Kirche zum Heiligen Geist in Magdeburg, Carl Ludwig Schröter (1710-1758), Magdeburger Regierungsrat und Assessor am Reichskammergericht, und Johann Julius Struve (1654-1753), der 1738 die Redaktion des Magdeburger Gesangbuches besorgt hatte. Zu den bereits vor der Studienzeit von Gehse entstandenen Beiträgern gehört auch etwa Johann Friedrich Crell (1707-1747), Professor der Medizin an der Universität Helmstedt (Juli 1746). Unter den Bekannten aus der Studienzeit in Halle war unter anderem Johann Christoph Teubeler (auch Teubler; 1721-1805) aus Riga, der später dort als Arzt wirkte. Im September 1750 trug sich Karl Gottlieb Knorre (1696-1753) ein, preußischer Hofrat und Ordinarius der Juristenfakultät zu Halle.

Spätere Stationen im Leben von Gehse belegen Beiträge vom Mai 1754 in Merseburg von drei Mitgliedern der Adelsfamilie von Böltzig oder aus dem Dezember 1754 von Präzeptoren am Waisenhaus in Potsdam (M. Blumenthal und Ch. F. Schureberg). Ebenfalls im Dezember 1754 in Potsdam schrieb sich Johann Hermann Blume (1722-1792) "aus Casan, an der Persischen Grentze", ein (vgl. Johannes Wallmann, Theologiestudent, Kürassier, Waisenhauspräzeptor, Feldprediger und Zivilpfarrer. Der seltsame Lebenslauf des Johann Hermann Blume, in: Pietismus und Neuzeit, Bd. 39, 2013, S. 277-297).

Hervorzuheben sind unter den eingebundenen Kupferstichen die kolorierten Ansichten von Göttingen, Jena und Wittenberg; ebenso verdienen besondere Erwähnung die eingebundenen Gouachen, gleich, ob sie sich auf reale Örtlichkeiten und Begebenheiten beziehen mögen oder aus der Phantasie stammen. In ihrer etwas naiven, aber detailreichen Malweise vermitteln sie einen direkten Einblick in die Lebenswirklichkeit und Vorstellungswelt der Zeit.

Block etw. angebrochen, vorderer fliegender Vorsatz entfernt, die Gouachen tls. mit kleinen Fehlstellen und etw. beschabt, leicht fleckig.

Almost completely filled in album amicorum with some gouaches as exceptional additions. – Among the mounted engravings are the coloured views of Göttingen, Jena and Wittenberg, notable are also the gouache paintings, that might depict real places and situations or be complete creations of fantasy. With their somewhat simple yet detailed painting technique they give a direct glimpse into the life and imagination of that period. – Book block slightly cracked, missing front fly leaf, the gouaches with small damages und somewhat scratched, lightly soiled. – Contemporary brown leather with rich gold tooling on the covers and spine label "Stammbuch (album amicorum)" (scratched).