71: TEMESWAR – BAHR – "TAGEBUCH. BRANDSTEIN."

Deutsche Handschrift auf Papier. Dat. Temeswar, 7. 1. 1859 – 11. 1. 1860. 4º. 307 S. Beiliegend 2 Gewandschleifen, ein Gedicht und 4 Briefe. Blindgepr. Lwd. d. Zt. (Gelenk angebrochen, beschabt). (82)
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Tagebuch aus der Jugendzeit des späteren Notars und Politikers Alois Bahr (1834-1898), des Vaters von Hermann Bahr (1863-1934). – In Wien 1857 zum Doktor der Rechte promoviert, war Alois Bahr zunächst in Wien und dann in Temeswar, dem damaligen Hauptort des Banat (heute Timisoara in Rumänien), als Konzipist der Finanzprokuratur tätig. Ab 1861 war er Finanzprokurator und später Notar in Linz. Als Mitglied im Oberösterreichischen Landtag und des Landesausschusses war er ein Führer der Liberalen (vgl. ÖBL Online-Edition, Lfg. 2, Stand vom 15. 3. 2013).

Auf dem Titel nennt der Schreiber den Namen "Brandstein", seinen Dichternamen, mit dem er auch ein beiliegendes Gedicht unterzeichnete. Seine wahre Identität erschließt sich, da er seiner Angegebeten auf einem Stammbuchblatt seinen Nachnamen gibt: "Charlotte Bahr" (S. 51). Bestätigt wird diese Gleichsetzung von Brandstein und Bahr unter dem Eintrag vom 11. April 1859, seinem 25. Geburtstag.

Das Tagebuch selbst, aber auch "energische, viel umfassende Thätigkeit" sollen dem jungen Mann gegen die "Wehmuth" helfen, "wenn die nackte Wirklichkeit mit ihrer rauhen Hand unbarmherzig zerstört, was die zarte Jugendseele mit ihrer pontischen Fantasie geschaffen". Auch "in dem großen Blumengarten deutscher Dichtung" kann er "Labsal" finden. Davon zeugen Gedichte unter anderem von Geibel, Heine, Lenau und Platen, die er in sein Tagebuch einträgt. Seine Leiden an der Liebe und schließlich nicht erfüllte Heiratspläne mit Charlotte Peidelhauser (1842-1923), der Tochter des Gutsherrn Ignaz Peidelhauser im nahegelegnen Tschawosch (heute Granicerii, ungarisch Csávos), nehmen einen Großteil der Aufzeichnungen ein. Nicht zuletzt die Romanfigur gleichen Namens, die bei Goethe ihrem Werther die Leiden bereitet, bewog ihn dazu, zwei Gewandschleifen im Tagebuch zu verwahren.

Darüber hinaus gibt das Tagebuch auch Einblick in das Berufs – und Alltagsleben des jungen Juristen. Er beklagt etwa das Fehlen von Bibliotheken, da ihm die "nothwendige Sparsamkeit" den Kauf von Büchern verwehrt (S. 196/97), auch gegen eine Reise in die "geliebten Alpen" fällt die "Geldfrage … hemmend ins Gewicht" (S. 12). Temeswar bezeichnet er als "schrecklich geistlose Stadt" (S. 197), und er verabscheut die "Herren Beamten vom Lande mit ihren rohen Sitten" (S. 153). – Gering fleckig, papierbedingt leicht gebräunt.