67: ALBUM AMICORUM – "C. V. C. DEN 10. DECEMBER 1828." (Deckeltitel).

Freundschaftsalbum des Freiherrn Karl von Canitz und Dallwitz. In Form eines Kalenders mit ca. 150 Einträgen, davon einzelne mit Ortsangabe und Dat., u. a. aus Berlin, Hannover und Wien. Dat. ca. 1824-50, mit einigen späteren Nachträgen. 186 nn. Bl. Ldr. d. Zt. mit reicher Rücken-, Deckel-, Steh- und Innenkantenvg. sowie dreiseit. Goldschnitt (etw. berieben und bestoßen). (16)
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Preußischer Hochadel im Vormärz. – Ein in dieser Form sehr seltenes Freundschaftsalbum, wie es gerade im hohen Adel beliebt war (man vergleiche etwa die Nummer 72 unserer Auktion). Auf die üblichen Bildbeigaben und ähnliche Erinnerungsstücke wurde bewußt gänzlich verzichtet, dafür finden sich unter den Einträgern fast nur solche, die Rang und Namen haben, vor allem Adelige, aber auch andere Standespersonen, Literaten und Künstler. In diesem Fall sind neben hochrangigen Militärs, Diplomaten und Politikern auch einige Angehörige adeliger Familien vertreten, die im Bereich der Literatur Bedeutendes geleistet haben. Als Jahreskalendarium angelegt, haben die Freunde und Bekannten sich jeweils am Tag ihrer Geburt in das Album eingeschrieben. Offenbar waren sie vom Besitzer des Albums angehalten worden, einen Bibelvers oder sonstigen religiösen Spruch beizusteuern.

Auf Grund der identifizierbaren Personen und des Monogramms auf dem Einbanddeckel kann der Eigner des Albums unschwer als der preußische Generalleutnant und Staatsmann Karl Ernst Wilhelm Freiherr von Canitz und Dallwitz (1787-1850) erschlossen werden. Er hatte in den Befreiungskriegen eine glänzende militärische Karriere durchlaufen, danach war er als militärischer Berater, Diplomat sowie ab 1845 als Außenminister tätig und stand in engem Verhältnis zum preußischen Königshaus. Im Jahr 1828, als von Canitz und Dallwitz das vorliegende Album angelegt hat oder binden ließ – denn einzelne Einträge dürften wohl schon davor entstanden sein -, war er als außerordentlicher Gesandter nach Konstantinopel geschickt worden, um im Namen Preußens im Russisch-Türkischen Krieg zu vermitteln. Zum Generalmajor befördert, war er ab 1833 Gesandter am kurhessischen Hof, dann, ab 1837, Botschafter in Hannover, Oldenburg und Braunschweig, von 1842-45 in gleicher Funktion in Wien tätig. In der Zeit in Niedersachsen dürften die meisten der Einträge entstanden sein, einige wenige sind auch in Wien eingeschrieben worden. Allein daraus ergibt sich die zweifelsfreie Identifizierung des Albumeigners, die durch die vielen familiären Einträge hinreichend bestätigt wird. So findet sich ein Gedächtniseintrag zur Erinnerung an seine verstorbene Gemahlin mit Angabe der Lebensdaten unter dem 18. September, Auguste von Schmerfeld (1787-1825), die er 1809 geheiratet hatte. Ein Eintrag seines ältesten Sohnes Adolph (1810-1868) steht unter dem 23. Juli. Gleichfalls vorhanden sind Einträge seiner Tochter Christiane (23. Februar) und deren Ehemanns, des preußischen Gesandten und bevollmächtigten Ministers, Otto Graf von Westphalen (1807-1856). Unter dem 31. März findet sich sein Sohn Karl Friedrich Ernst (1812-1894), preußischer außerordentlicher Gesandter und bevollmächtigter Minister in Neapel, sowie seine Tochter Auguste (1822-1904) unter dem 22. April. Der Eintrag ihres Ehemannes, des preußischen Ministers und Gutsherrn Ludwig von Massow (1794-1859), ist unter dem 11. Juni plaziert. Zahlreiche weitere Mitglieder des Adelsgeschlechts von Canitz und Dallwitz lassen sich über das ganze Album verteilt identifizieren, allein unter dem 19. März haben sich vier Damen aus der Familie eingetragen.

Hervorragend unter den weiteren Einträgen ist derjenige von König Friedrich Wilhelm IV. von Preußen (15. Oktober), mit Datierung: "Wien im Gesandtschaftshotel am 12. August 1844", und unter dem 27. Januar derjenige der Erzherzogin Sophie von Österreich (Sophie Friederike von Bayern, 1805-1872). Für die Literaturgeschichte ist der Eintrag von Carl Georg von La Roche (1766-1839) besonders interessant. Er war der Sohn der Schriftstellerin Sophie von La Roche, und als Bruder von Maximiliane Brentano der Onkel von Clemens Brentano und Bettina von Arnim. Im Hauptberuf preußischer Geheimer Oberbergrat, spielte er eine führende Rolle im Literatenkreis um Henriette Herz (Eintrag unter dem 11. Januar). Dazu findet sich der Eintrag von La Roches Sohn Georg Hellmuth, bei dem das bislang unbekannte Geburtsdatum angegeben ist, der 23. Juni 1798 (gestorben am 19. November 1837). Zum Freundeskreis des Albumeigners gehörte ebenfalls der Schriftsteller August Friedrich Ernst von Arnswaldt (1798-1855), der neben seinen literarischen Leistungen unrühmlich durch die Mitwirkung an der Intrige gegen die junge Annette von Droste-Hülshoff bekannt geworden ist, der er nur zum Schein einen Verlobungsantrag gemacht hat. Literaturgeschichtlich interessante Einträger sind auch Georg Friedrich Schwertzell von und zu Willingshausen (1784-1858), Oberforstmeister und Kammerherr, der mit den Brüdern Grimm befreundet war, und seine Schwester, die Komponistin Wilhelmine von Schwertzell (1790-1849), die zwischen 1817 und 1841 mit Wilhelm Grimm korrespondierte und mündlich überlieferte Erzählungen zu Grimms Märchensammlung beitrug. Aus der Familie von Levetzow ist Bertha (1797-1866) vertreten, die Gattin des Domherren, Offiziers und Gutsbesitzers Alexander von Levetzow. Als einen der wenigen Einträge hat sie nicht etwas Religiöses, sondern ein Gedicht beigesteuert: "Das Leben ist gleich wie ein Traum …" Die preußische Hochadelsfamilie ist gerade auch durch Goethes letzte unerfüllte Liebe, die der Ulrike von Levetzow galt, bekannt geworden.

Aus vielen weiteren namhaften Familien vornehmlich des preußischen Hochadels findet sich eine Fülle von Einträgen, darunter einige aus den Familien von Gerlach, von der Gröben und der Grafen von Bernstorff – beispielsweise von Ernst von Bernstorff (1768-1840), Bechtold von Bernstorff (1803-1890), der Mitglied des Deutschen Reichstags war, und der Gräfin America von Bernstorff. Eingetragen haben sich weiterhin Moritz Haubold von Schönberg (1770-1860), Oberpräsident der preußischen Provinzen Schlesien und Pommern, Ludwig Wilhelm Theodor von Winterfeld (1798-1881), preußischer Generalmajor im Ingenieurskorps, Ludwig Dietrich Karl Wilhelm von Below (1779-1859), preußischer Generalleutnant und Kommandant der Kadettenanstalten, sowie dessen Gattin Pauline Amalie, eine Tochter des preußischen Generals Karl Ludwig von Le Coq, Heinrich Graf zu Stolberg-Wernigerode (1772-1854) und die Gräfin Luise zu Stolberg-Wernigerode (1771-1856), die Gräfin Emilie (Emmy) Jelf, geborene von Schlippenbach, Selma Freiin von Dörnberg (1797-1876), Tochter des hannoverischen Generalleutnants Wilhelm von Dörnberg und Gemahlin des preußischen Kavallerie-Generals Karl von der Groeben, sowie Charlotte Juliane von Reventlow-Criminil (1778-1857), geborene Platen-Hallermund und Witwe von Friedrich Freiherrn Blome, Mutter der Diplomaten und Politiker Otto und Adolf von Blome; ihr Eintrag mit langem vierstrophigen Gedicht religiösen Inhalts, der "Engel der Geduld" von Helene von Orléans. Auch Erinnerungseinträge für Verstorbene finden sich gelegentlich, etwa für Friederike Therese von Radowitz, geborene von Könitz (1766-1828), Mutter des preußischen Diplomaten und Militärs Joseph von Radowitz (1797-1853), und Mathilde von Lützow, 1822-1846, jung verstorbene Tochter des preußischen Generalleutnants Leopold von Lützow. Von den weiteren Beiträgern seien hier nur die Namen einiger Familien genannt, darunter die derer von Chambaud, die Grafen von Clam-Martinitz, von Blome, von Grolman, von Lützow, von Müffling, von Radowitz, von Reden, von Riedesel zu Eisenbach, von Stein zu Lausnitz und von Westfalen. Unter den wenigen nichtadeligen Einträgern findet sich die in der Literaturgeschichte auf Grund ihrer Bekanntschaft mit diversen Literaten und Philosophen gelegentlich erwähnte Gattin des Hannoveraner Kriegskanzlisten und Professors der Rechte, Theodor Anton Heinrich Schmalz (1760-1831), Louise Elisabeth, geborene Edelmann (hier erstmals mit ihren richtigen Lebensdaten: 1761-1840).

Karl von Canitz und Dallwitz war ein sehr religiöser Mensch. Wie der preußische General Julius von Hartmann in der ADB ausführt, "ist von Canitz und Dallwitz vielfach als einer der Träger jener Orthodoxie genannt worden, die unter Friedrich Wilhelm IV. Einfluß auf die Leitung der kirchlichen Angelegenheiten gewann. Und doch war er gerade dieser Richtung entschieden fremd. Das Anstreben besonderer Correctheit im confessionellen Bekennen widerstrebte ihm. Getragen von einem subjectiv gepflegten Glauben, war seinem Handeln ein eigenthümlicher Reiz von Selbstlosigkeit und Reinheit gegeben" (Bd. III, S. 759). Für die Beiträge in sein Album erwartete er wohl biblische und religiöse Sprüche oder Zitate. Einige Einträger wählten auch Texte des wohl von ihm besonders geschätzten pietistischen Theologen und Gründers der Herrnhuter Brüdergemeine, Nikolaus Ludwig von Zinzendorf (1700-1760). Freiherr von Canitz und Dallwitz gilt als Verfasser des anonym erschienenen Werks "Betrachtungen eines Laien über die neue Betrachtungsweise der Evangelien des Dr. D. F. Strauß", erschienen 1837 in Göttingen (Holzmann/Bohatta VI, 2609). Zu seinen Bekannten gehörte der Danziger Theologe Theodor Friedrich Kniewel (1783-1859), von dem sich ein Eintrag im Album findet.

Einige Lebens- und insbesondere Sterbedaten von Einträgern wurden von anderer Hand in sehr grober Schrift noch bis in die fünfziger Jahre im Album nachgetragen. Von dieser Hand auch mehrere Einträge über Urenkel dieses Schreibers, die den Namen Hoffmann tragen.

Vereinzelte kleine Randeinrisse und geknickte Ecken, leicht gebräunt und fleckig (tls. durch eingelegte Trockenpflanzen verursacht), geringe Gebrauchsspuren.

Album amicorum of Baron Karl von Canitz and Dallwitz. In form of a calendar with ca. 150 entries, some with location and date, a. o. from Berlin, Hannover and Vienna. Dated ca. 1824-50, with some later additions. 186 unnumbered leaves. Contemporary calf with richly gilt back, gilt on sides and gilt outside and interior edges as well as three-sided gilt edge (some rubbing and scuffing). ? Album amicorum very rare in form of a calendar, but quite favored by the high aristocracy (compare no. 72 in our auction). No pictures or other souvenirs are included here, but among the inscribers are mostly those in high positions, mainly aristocrats and also other persons of higher rank, writers and artists. Next to high-ranking military people, diplomats and politicians, there are members of noble families who were successful in literature. Planned as annual calendar, friends and acquaintances inscribed at the day of their birthday. The owner of the album asked them probably to add a Bible verse or other religious adage. ? Small isolated tears in margin and bent corners, slightly browned and soiled (partly due to inserted dried plants), minor signs of wear.