6: FRESCOBALDI – "IN TE D[OMIN]E SPER[AVI]". Musikmanuskript mit lateinischem Text

und Autorenangabe "Hier[onymus] fr[escobaldus] fer[rariensis] fecit". Italien (Rom?), frühes 17. Jhdt. 4º (23,8 x 17,4 cm). 11 nn. Bl. mit je 9 Zln. Notentext. Lose unbeschnittene Quart-Lagen, ohne Einband. (47)
Schätzpreis: 8.000,- €
Ergebnis: ,- €


Früheste Überlieferung des Werks, wohl mit Anteilen von der Hand des Komponisten, eine aufsehenerregende Wiederentdeckung. – Bei der vorliegenden Handschrift handelt es sich um eine lange Zeit verschollene und schon verlorengeglaubte Quelle, die der Forschung bereits im späten 19. Jahrhundert durch den niederbayerischen Geistlichen, Musikwissenschaftler und Frescobaldi-Biographen Franz Xaver Haberl (1840-1910) bekannt gemacht worden war. Haberl hielt das Manuskript damals für den einzigen nachweisbaren Autographen von der Hand des Komponisten, erfuhr jedoch später Widerspruch. Zu einer eingehenden Prüfung des Manuskripts, das alle acht Singstimmen des doppelchörigen Gesangsstücks sowie den „bassus ad organum“ enthält, kam es allerdings nicht mehr. Nach Haberls Tod verlor sich die Spur der Handschrift, Bildmaterial davon existierte nicht. Sie ist nicht, wie fast alle der zahlreichen von Haberl gesammelten Notenhandschriften, nach seinem Tod in die Bischöfliche Zentralbibliothek Regensburg übergegangen. Der sehr gründliche, im Jahr 2000 bei Henle in München erschienene zweibändige Katalog mit allen Manuskripten der Bibliothek, die aus der Sammlung Haberl stammen, verzeichnet unsere Handschrift jedenfalls nicht. Offenbar ist sie stattdessen, wie auch viele der Musikdrucke aus Haberls Besitz, in den Bestand der von ihm gegründeten Kirchenmusikschule Regensburg (die heutige Hochschule für katholische Kirchenmusik und Musikpädagogik) übergegangen. Unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg hat deren damaliger Direktor, Ferdinand Haberl, ein Verwandter des Franz Xaver, Teile der Bibliothek an verschiedene Regensburger Bürger zur Verwahrung übergeben, um sie vor dem Zugriff der amerikanischen Besatzungstruppen zu schützen, die das Schulgebäude beschlagnahmt hatten. In einem dieser Regensburger Privathaushalte verblieb die Handschrift dann mehrere Jahrzehnte, bis sie im Jahre 1999 aus der Versteigerung eines Nachlasses von unserem Einlieferer erworben werden konnte. Erst jetzt, mit der Untersuchung in unserem Hause, gelang die erneute Identifizierung des eigentlich schon längst bekannten Manuskripts. Wir haben diesen Fund sofort der Forschung zur Kenntnis gebracht und zwei der führenden Frescobaldi-Spezialisten, Étienne Darbellay und Christine Jeanneret, dazu befragt.

Die durch das „Haberl-Manuskript“ überlieferte Motette (bzw. das „Geistliche Konzert“) „In te domine speravi“ hat in die heutigen Werkeditionen nur auf der Grundlage einer Abschrift aus dem Jahr 1908 Eingang gefunden. Diese wird in der Biblioteca della musica des Museo internazionale in Bologna aufbewahrt (Signatur: Z/259). Einige Abweichungen von unserem Manuskript hatten die Forschung dazu bewogen, das Werk unter die „zweifelhaften“ Kompositionen Frescobaldis einzuordnen, so die Auszeichnung der Tonart mit zwei am Anfang ausgeschriebenen b-Vorzeichen und die Dynamikangaben; beides ist in dieser Form im frühen 17. Jahrhundert noch nicht üblich gewesen. Diese Veränderungen erweisen sich anhand unseres Manuskripts aber als nicht authentisch und sind demnach für die Frage nach der Autorschaft Frescobaldis als unerheblich zu betrachten. Die Diskussion um die Authentizität und eventuelle Eigenhändigkeit muß nun also neu geführt werden.

Zunächst einmal hat unsere Untersuchung des Papiers ergeben, daß dieses für Frescobaldi und seinen Umkreis auf jeden Fall als Schreibmaterial in Frage kommt. Bei dem erschlossenen Wasserzeichen handelt sich um einen knienden Menschen mit dem Beizeichen eines Kreuzes in der Hand, in einem Wappenschild (sehr ähnlich Briquet 7628, datiert Fabriano 1602, und Piccard 28938, datiert wohl Italien, um 1650). Durch das Wasserzeichen und die Papierqualität ist von einer ungefähren Datierung in die erste Hälfte des 17. Jahrhunderts auszugehen, bei einer Lokalisierung nach Italien. Das wird durch die verwendete Tinte und die Art der Schrift vollauf bestätigt. Allerdings bleibt hier festzustellen, daß die beiden „Bassus-ad-Organum“-Blätter in deutlich anderer Handschrift und Tinte als die übrigen abgefaßt wurden und als einzige von Tintenfraß betroffen sind. Diese Notationsteile fehlen bei der Abschrift von 1908, die Stimme war bisher also völlig unbekannt. Nur hier erscheint der Anfang des „In te domine speravi“; wie in der Forschung vermutet, sollte er psalmodierend gesungen werden, wohl vom Organisten selbst. Der Chorsatz beginnt dagegen erst mit der Textzeile „In tua iustitia libera me“. – Das Manuskript ist ohne Vorzeichen geschrieben, und die Achtstimmigkeit teilt sich in je vier Stimmen eines primus und eines secundus Chorus auf.

Auf unsere Anfrage und nach eingehender Prüfung hat uns der Herausgeber des Gesamtwerkes von Frescobaldi, Professor Étienne Darbellay, mitgeteilt, daß man bei unserem Manuskript von einer zu Lebzeiten Frescobaldis und in seinem Schülerkreis von sechs unterscheidbaren Händen erstellten Abschrift ausgehen kann. Im Gegensatz zu der modifizierten Abschrift des Jahres 1908 läge hier also in jedem Fall eine Fassung vor, die von Frescobaldi autorisiert worden sein muß. Auf Grund der Einsicht in die Quelle kommt Darbellay zu dem Schluß: „The work however is very probably authentic.“ Allerdings glaubt Darbellay nicht, daß Frescobaldis eigene Hand daran beteiligt gewesen ist. Immerhin ist er von der Nähe sämtlicher Schreiber zum Komponisten überzeugt: „The different hands seem to be all rather close to the direct circle of Frescobaldi’s students.“ Dagegen dürfte nach Überzeugung von Frau Professor Christine Jeanneret, die zusammen mit Alexander Silbiger den Frescobaldi Thematic Catalogue Online (FTCO) der Duke University betreibt, ein Teil des Manuskripts mit Sicherheit von Frescobaldi selbst stammen. Sie unterscheidet folgende Anteile von sieben verschiedenen Händen: „I believe that the two bass parts are in Frescobaldi’s hand (f. 1r-v and 6r-v): Hand A. The custodes, keys, noteheads and especially the written text (‚In te Dme sper.‘) are extremely close to his usual handwriting. He might also have written the other incipit ‚in iustitia tua libera me‘, but not the two titles in two different hands. – Hand B: music and text for the voices Canto primo, Alto primo (ff. 2r-3v), could also be the hand giving the attribution ‚Hier. fr. fer. fecit‘ on f. 1- Hand C: music and text for the voices Tenor primo, Basso primo (ff. 4r-5v) – Hand D: music for Canto secondo (f. 7). The quill is different for the text, I’m not sure it’s the same copyist – Hand E: music and text for Alto secondo and basso secondo (ff. 8 and 10) – Hand F: music and text for Tenor secondo (f. 9) – Hand G: voices names (canto primo…) in all titles for primo coro except Tenor primo, Basso primo (by copyist C). Titles for secondo coro are written by the music copyists.“

In ihrem Thematischen Verzeichnis hatten Jeanneret und Silbiger (online, Stand Frühjahr 2019) die Komposition noch unter „zweifelhaft“ („doubtful“) geführt (Nr. F 16.73). Sie wird ab jetzt als gesichertes Vokalwerk Frescobaldis zu gelten haben. Laut Christine Jeanneret gibt es lediglich zwei anerkannte autographe Manuskripte Frescobaldis (in der Biblioteca Apostolica Vaticana, Chigi Q.IV.29, und in der Bibliothèque Nationale de France, Rés. Vmf.ms.64), dazu drei bis vier Einzelstücke. Trotz der wenigen Vergleiche ist Jeanneret sich in unserem Fall sicher: „In this case, for the reasons I mentioned I am positive it is Frescobaldi’s hand.“

Angaben zu Literatur und Forschung:

Haberl, Franz Xaver: Hieronymus Frescobaldi. Darstellung seines Lebensganges und Schaffens auf Grund archivalischer und bibliographischer Documente, in: Kirchenmusikalisches Jahrbuch 1887, S. 67-82 (der kurze Abschnitt über unser Manuskript auf Seite 82. Haberl führt darin aus: „Nach Vergleich mit den Unterschriften Frescobaldi’s in den Censualbüchern von St. Peter darf ich diese Reliquie für ein Text- und Notenautograph halten.“ In italienischer Übersetzung 1908 erneut erschienen unter dem Titel: Girolamo Frescobaldi: esposizione della sua vita e delle sue creazioni a base di documenti bibliografici ed archivistici, in: Ferrara a Girolamo Frescobaldi nel terzo centenario della sua prima pubblicazione, a cura di N. Bennati, Ferrara 1908, S. 133-155). Zweifel an Haberls Darstellung äußerte Giacomo Benvenuti, in: Frescobaldiana, Bollettino bibliografico musicale, VI, 4, April 1931, S. 21-23. Frederick Hammond besprach das „In te domine speravi“ 1983 in seiner Frescobaldi-Monographie (Girolamo Frescobaldi, Cambridge, MA, 1983, S. 321) und in seiner „Extended Biography“ (Online-Ressource) unter der Nummer III. B. 7: „A modern copy of a manuscript belonging to Haberl and considered autograph by him, a judgment not shared by Benvenuti.“ Das Werk wurde publiziert von Ettore Ravegnani, Padua 1938, und 2017 übernommen in die Gesamtausgabe von Étienne Darbellay (Bd. II, 210-228, Begleittext: S. 233-235). Im Frescobaldi Thematic Catalogue Online (FTCO) der Duke University ist das Werk unter der Nummer F 16.73 verzeichnet (hier angemerkt: „The polyphonic opening, ‚In tua justitia‘, presumably would be preceded by the intonation ‚In te Domine speravi‘. The only known source is a 19c copy of what was claimed to be an autograph, although this has been disputed; see Hammond (1983). In any case, the double-flat key signature and the piano markings at the beginning are uncharacteristic.“ Dies bezieht sich, wie oben dargelegt, auf die bisher bekannte Quelle in Bologna, eine Abschrift mit Veränderungen für die moderne Aufführungspraxis, wohl eine Aufführung in Ferrara im Jahre 1908, wie Frederick Hammond auf seiner Webseite „Girolamo Frescobaldi: an extended biography“ schreibt: „One other surviving sacred work is attributed to Frescobaldi, a bichoral setting in eight parts of Psalm 30, vs. 1-6, In Te Domine Speravi (Catalogue III.B.7). The work currently survives in a recent copy lacking the bassus ad organum, presumably made for a performance in Ferrara in 1908. The original manuscript belonged to Franz Xaver Haberl, who considered it to be the only known Frescobaldi autograph. The work displays all the qualities of liturgical Gebrauchsmusik: regular overlapped alternation of the two choirs, continuous rhythmic texture-competence without excitement. Beside a work like Monteverdi’s setting of Nisi Dominus from the 1610 Vespers, composed for the same medium in the same conventions, the In Te Domine almost justifies Liberati’s polemic. „ (http://girolamofrescobaldi.com/17-vocal-music).

Erstes Blatt mit fast durch die ganze Breite (außer dem weißen rechten Rand) verlaufendem Schnitt und etw. Tintenfraß mit kleinen Ausbrüchen im oberen Bereich (geringer Notationsverlust); leicht gebräunt, wenig fleckig.

Musical manuscript with Latin text and author?s name „Hier(onymus) fr(escobaldus) fer(rariensis) fecit“. Italy (Rome ?), early 17th century. 4º (23,8 x 17,4 cm). 11 unnumbered leaves each with 9 lines. Musical text. Loose untrimmed quarto quire, without binding.

The earliest transmission of this vocal composition, probably with parts by the hand of the composer himself, is a spectacular rediscovery: The present manuscript represents a source considered since a long time as missing and even lost. Franz Xaver Haberl (1840-1910), a priest from Lower Bavaria, a musicologist and Frescobaldi biographer had already informed Research about this source in the late 19th century (1887). Haberl took the manuscript then for the only verifiable autograph of the composer. The trace of the manuscript disappeared after Haberl?s death. Obviously it became part of the inventory of the School for Church Music in Regensburg founded by him like many of the music prints owned by Haberl. Immediately after the Second World War, Ferdinand Haberl, the director at that time and a relative of Franz Xaver, transferred parts of the library for custody to Regensburg citizens in order to protect them from being taken by the American occupying forces which had confiscated the school building. The manuscript then remained several decades in one of these Regensburg private homes till 1999 when it could be purchased during an auction of an estate.

The motet transmitted by the „Haberl manuscript“ (or rather the „Geistliche Konzert“)“In te domine esperavi“ can only be found in the present work editions as transcript from the year 1908. The latter is kept in the Biblioteca della musica of the museo internazionale at Bologna (signature mark: Z/259). Our examination of the paper has shown that it could definitely be considered as writing material for Frescobaldi and his circle (the watermark very similar to Briquet 7628, dated Fabriano 1602 and Piccard 28938, dated probably Italy around 1650). Watermark and paper quality suggest an approximate dating in the first half of the 17th century, pinpointing to Italy. This is fully confirmed by the ink used and the type of lettering. Yet we have to observe that the two „Bassus-ad-Organum“ leaves were composed in a significantly different handwriting and ink than the others and are the only ones affected by ink corrosion. These notation parts are missing in the transcript of 1908, the voice was so far completely unknown. Only here appears the beginning of „In te domine esperavi“; as research presumed it should be sung in a psalmody way.

We immediately informed research about the discovery and consulted two of the leading Frescobaldi specialists: Etienne Darbellay and Christine Jeanneret. Professor Etienne Darbellay, publisher of Frescobaldi?s complete works, informed us that it can be assumed that our manuscript was a transcription made by six distinctive hands during Frescobaldi?s lifetime and in his circle of students. In contrast to the modified transcription of the year 1908, there would be here in any case a version which must have been authorized by Frescobaldi: „The work however is very probably authentic“. Yet Darbellay does not believe that Frescobaldi?s hand has been involved. Still he is convinced from the closeness of all scribes to the composer: „The different hands seem to be rather close to the direct circle of Frescobaldi?s students“. On the other hand Professor Christine Jeanneret, who publishes together with Alexander Silbiger the Frescobaldi Thematic Catalogue Online (FTCO) of the Duke University, is convinced that part of the manuscript is definitely from Frescobaldi himself. She distinguishes the following parts of seven different hands: „I believe that the two bass parts are in Frescobaldi?s hand (f.1r-v and 6r-v): Hand A. The custodes, keys, noteheads and especially the written text („In te Dme. sper.“) are extremely close to his usual handwriting. He might also have written the other incipit „in iustitia tua libera me“, but not the two titles in two different hands. – Hand B: music and text for the voices Canto primo, Alto primo (ff.2r-3v), could also be the hand giving the attribution „Hier. fr. fer. fecit“ on f. 1-Hand C: music and text for the voices Tenor primo, Basso primo (ff. 4r-5v) – Hand D: music for Canto secondo (f. 7). The quill is different for the text, I?m not sure it?s the same copyist – Hand E: music and text for Alto secondo and basso secondo (ff. 8 and 10) – Hand F: music and text for Tenor secondo (f. 9) – Hand G: voices names (canto primo?) in all titles for primo coro except Tenor primo, Basso primo (by copyist C). Titles for secondo coro are written by the music copyists.“

In their thematic directory Jeanneret and Silbiger listed the composition still under „doubtful“ (no. F 16.73). From now on it should be considered as authenticated vocal work by Frescobaldi. According to Christine Jeanneret there are only two recognized autographed manuscripts by Frescobaldi and also three to four single pieces. In spite of the few comparisons Jeanneret, in our case, assures: „In this case, for the reasons I mentioned I am positive it is Frescobaldi?s hand.“

First leaf with cut almost through the entire width (except the blank right margin) and some ink corrosion with small breakouts in the upper part (minor loss of notation); slightly browned, hardly soiled.