5084: WOLF, CASPAR

Muri 1735-1783 (Heidelberg), Das große Panorama der Alpen und Gletscher. Öl auf Leinwand. Sign., nicht bezeichnet und dat. (1774-77). 54,5 x 82,5 cm. - Gerahmt (leichte Altersspuren)
Schätzpreis: 290.000,- €


Raeber 248. – Caspar Wolf gehört zu den wichtigsten Vertretern der vorromantischen Malerei in Europa. Als erster gab er die großartige Schweizer Gebirgswelt nach Naturbeobachtungen wieder. Aus sehr bescheidenen Verhältnissen stammend, konnte Wolf dank der Unterstützung eines Abtes in seinem Heimatort eine Lehre als Kirchen- und Landschaftsmaler absolvieren und München und Augsburg als die beiden kulturellen Zentren Süddeutschlands kennenlernen. Erste Aufträge erhielt er vor allem für Tapetenmalerei und Malerei auf Täfelungen. Hier ist besonders die malerische Ausstattung von Schloß Horben zu nennen, der Sommerresidenz der Benediktiner von Muri. Ein Aufenthalt in Paris in den Jahren 1769 bis 1771 förderte die künstlerische Entwicklung und das Selbstverständnis von Wolf als freiem Landschaftsmaler. „Hier bekommt er von [Philippe Jacques] Loutherbourg [1740-1812] und von dem Landschaftsmaler Claude Joseph Vernet (1714-1789) die entscheidenden Impulse für seine weitere Entwicklung. … Die in dieser Zeit intensiv geführte Diskussion um das Sublime und Erhabene in der Kunst dürfte sein Interesse an der Darstellung der Berge gefördert haben. Zurück in der Schweiz, unternimmt Caspar Wolf 1771-1774 von Muri aus verschiedene Reisen in die Innerschweiz. … Der ornamentale Formwille weicht der realistischen Naturaufnahme, die allerdings von einer überwältigenden Naturempfindung und einem besonderen Sensorium für das Erhabene geprägt ist“ (Stephan Kunz, Caspar Wolf, in: Caspar Wolf, Düsseldorf 2009, S. 167-174, hier S. 170). Begleitet wurde Wolf bei diesen Reisen ab 1773 von dem Berner Drucker und Verleger Abraham Wagner (1734-1782). Dieser gab bei dem Künstler etwa 200 Bilder mit Ansichten der Schweizer Alpen in Auftrag. Die ersten zehn Blätter wurden ab 1777 unter dem Titel „Merkwürdige Prospekte von den Schweizer-Gebürgen und derselben Beschreibung“ herausgegeben. Die vor Ort von Wolf in Zeichnung und Aquarell festgehaltenen Landschaftsansichten übertrug er im Atelier auf die Leinwand und brachte die Gemälde dann zur Überprüfung und gegebenenfalls Überarbeitung oft nochmals an den Ort der Ansicht. Das vorliegende Gemälde zeigt ein solches großartiges Panorama der Alpen. Etwas erhöht aus der Mitte eines Tales reicht der Blick bis tief in die Landschaft hinein, die zu beiden Seiten von steilen Hängen begrenzt wird. Links wälzt sich ein Gletscher das Massiv hinab, und zu beiden Seiten des Tales ergießt sich das Schmelzwasser in Wasserfällen. Belebt wird die Ansicht durch zahlreiche Figuren und Gruppen. So sind einige Männer mit Vermessungen beschäftigt, eine Karawane mit Packeseln zieht über eine Brücke, ein Mann steht angelnd am Wasser. Im Vordergrund ist auf einer kleinen Felsenanhöhe wie auf einer Bühne eine Gruppe von Männern und Frauen um einen Maler mit einer Staffelei versammelt. In der Nähe sitzt ein Zeichner auf dem Felsen, den Blick auf das Tal gerichtet, ein zweiter Zeichner beschäftigt sich mit einem Regenbogen, der sich über einen Wasserfall spannt. So zeigt das Gemälde mehrere Stationen der Bildgenese. Nur dem genauen Betrachter oder dem Kenner erschließt sich aber, daß sich der Künstler hier selbst darstellt, wie er sein Werk als vollendet präsentiert: er signiert das Bild auf der Staffelei mit seinem Namen, „C. Wolf“. „Einer der verblüffendsten Aspekte dieser Stichfolge.

 

Die merkwürdigen Prospekte aus den Schweizer-Gebürgen ist, dass der Landschaftsmaler sich bei seiner Tätigkeit darstellt, dass er seine Arbeitsbedingungen und die Entstehung der vom Zuschauer bewunderten Bilder zu sehen gibt. Dadurch liefert er Angaben dazu, wie er seine Kunst und deren Funktion in der Kultur seiner Zeit begreift. … Gewiss, Wolf hat das Thema des abgebildeten Malers nicht erfunden, aber er verleiht ihm eine einzigartige Wirkung, jenseits der Bedeutung, die ihm traditionellerweise zukommt“ (Claude Reichler, Der Maler in der Landschaft, in: Caspar Wolf, Düsseldorf 2009, S. 37-60, hier S. 43/44 und 45). Unser Gemälde ist hierfür sicher eines der herausragendsten Beispiele und steht exemplarisch für den Variantenreichtum des Künstlers. Die Zentralbibliothek Zürich besitzt eine Vorzeichnung zu dem Gemälde (Inv. ZWI 1.0017.002). Ein Vergleich zeigt, welche Änderungen und Anpassungen Wolf auf dem Gemälde für die Ideallandschaft zwischen dem Beatenbachfall, dem Grindelwaldgletscher und den Felswänden des Lauterbrunnentales vorgenommen hat. So fügte er links oben die Engelhörner hinzu und rechts im Vordergrund eine Alpenhütte. Auch die Figurengruppe um den Maler plazierte er nachträglich auf eine Felszunge. Wolf selbst geriet schon zum Ende seines Lebens immer mehr in Vergessenheit und starb verarmt in Heidelberg. Erst Mitte des 20. Jahrhunderts wurde sein Werk wiederentdeckt und erfreut sich seitdem stetig wachsender Bewunderung. Gewürdigt wird vor allem der bedeutende Beitrag von Caspar Wolf für die Entwicklung der Landschaftsmalerei im 18. Jahrhundert. – Mit feinem Krakelee und sehr dezenten Retuschen. Provenienz: Keukenhof, Lisse. – Dr. Hans Lacher, Blonay; seitdem in Familienbesitz. Ausstellungen: 1961, Lenzburg, Galerie Rathausgasse, Nr. 11. – 1977, Tokyo, Odakyu Grand Gallery, S. 65, Abb. 5. – 1977, Chur, Bündner Kunstmuseum Chur, Nr. 13, Abb. 14. – 2009, Düsseldorf, Caspar Wolf. Gipfelstürmer zwischen Aufklärung und Romantik, S. 97, Nr. 59.

Large panorama of the Alps and glaciers. Oil on canvas. Signed, not labelled and dated (1774-77). 54,5 x 82,5 cm. – Gilt frame (slight chipping). – Caspar Wolf is one of the most important artists of the pre-romantic period in Europe. He was the first to portrait the Swiss mountains in a naturalistic way. – Our work is listed in Wolf‘s catalogue raisonné by Willi Raeber and a preliminary drawing is in the collection of the central library Zürich (inventory no.: ZWI 1.0017.002). – Fine craquelure and unnoticeable touch ups. Provenance: Keukenhof, Lisse. – Dr. Hans Lacher, Blonay; ever since in family possession. Exhibitions: 1961, Lenzburg, Galerie Rathausgasse, no. 11. – 1977, Tokyo, Odakyu Grand Gallery, p. 65, fig. 5. – 1977, Chur, Bündner Kunstmuseum Chur, no. 13, fig. 14. – 2009, Düsseldorf, Caspar Wolf. Gipfelstürmer zwischen Aufklärung und Romantik, p. 97, no. 59.\