414: EINBLATTDRUCKE – FRÜHDRUCKE – "EIN GOOT SELIG JAOR".

Einblattdruck (alt ankolor. Holzschnitt auf grobem Hadern-Büttenpapier in Reiberdruck). Wohl Mitte oder zweite Hälfte des 15. Jhdts. Blattgr.: ca. 21 x 16 cm. (188)
Schätzpreis: 5.000,- €


Eine unbekannte Variante des segnenden Christuskindes mit Spruchband, auf dem der Segen zum neuen Jahr zu lesen ist. Von diesem im 15. Jahrhundert, in der Frühzeit des Holzschnitts, aufgekommenen und wohl besonders in Süd- und Westdeutschland verbreiteten Brauch, derartige Holzschnitte zum Neujahrsfest zu verschenken, sind nur einige wenige Blätter bis heute erhalten geblieben. Die meisten davon standen im Zusammenhang mit Kalendern, noch rarer sind die Einzeldarstellungen des segnenden Kindes, wie hier vorliegend (siehe dazu die grundlegende Publikation: P. Heitz, Neujahrswünsche des XV. Jahrhunderts. Zweite Auflage, Straßburg 1900). Die Schreibweise des Segensspruchs, in heutigem Deutsch "Ein gutes seliges Jahr", variiert bei den bekannten Blättern immer ein wenig, ebenso die Darstellung des Kindes, das gewöhnlich vor dem Kreuzesstamm auf einer Blüte steht. In unserem Fall ist die Blüte jedoch durch eine Weltkugel ersetzt, in der eine Landschaft mit Häusern sowie ein Gewässer mit einem Schiff zu sehen sind. Die zweite Eigenart unserer Darstellung ist der kleine Vogel in der rechten Hand des Jesuskindes. Wie Vergleiche mit anderen Beispielen zeigen, etwa die bei Heitz auf den Tafeln 2 und 5 abgebildeten, ist hier gewöhnlich die segnende Hand des Kindes zu erkennen, zusammen mit den Gewandfalten des abgewinkelten Arms. Es scheint, als ob sich aus dieser Konstellation das Vogelmotiv entwickelt hat, oder umgekehrt, daß dieses Motiv durch Mißverstehen verlorengegangen ist. In unserem Holzschnitt ist der Vogel nicht nur deutlich zu sehen, er wurde sogar durch Kolorierung hervorgehoben. Der Vogel und die Weltkugel mit Landschaft und Gewässer gehören in jedem Fall in den ikonographischen Kontext der Darstellung. So zeigt ein nicht bei Heitz abgebildeter, besonders reich gestalteter Neujahrsgruß mit dem sitzenden Kind ebenfalls die Weltkugel mit Landschaft und Wasser in ihrem Inneren, und das Kind hält hier einen großen Vogel, einen Papagei, im Arm (Schreiber 783, datiert 1465, in der neueren Literatur teils deutlich früher, um 1430). Auf unserem Blatt dürfte es sich allerdings um einen Kuckuck handeln, der gemeinhin als Glückssymbol galt. Was bei unserem Druck auffällt, ist die formale Einfachheit, die derart schlicht anmutet, daß man ihn zeitlich eher vor die von Heitz gewöhnlich um 1460/70 datierten Vergleichsbeispiele ansetzen möchte (denkbar ist natürlich auch, daß es sich um eine spätere Arbeit eines Meisters von geringeren handwerklichen Fertigkeiten handeln könnte). Für die frühere Datierung spricht auch das ungleichmäßig geschöpfte, sehr dicke Hadernbüttenpapier, das offenkundig in einer provinziellen Papiermühle hergestellt worden ist. Der Nimbus des Kindes in Form eines gotischen Dreipasses, einbeschrieben in einen Kreis, ist im mittleren 15. Jahrhundert bei Christusdarstellungen auf Einblattdrucken jedoch nicht ungewöhnlich, etwa auf einem Einblattdruck, der Christus als guten Hirten zeigt, datiert um 1460.

Das Druckverfahren unseres Blattes ist ein stark durchdrückender Reiberdruck auf dickem Hadernpapier. Gedruckt wurde auf dem angefeuchteten Papier, das mittels eines Beutels mit Tierhaaren auf den Druckstock angerieben wurde. Einige kleine Härchen sind hier noch an der Rückseite des Blattes vorhanden, da sie sich beim Drucken in das Papier gepreßt und mit ihm verbunden haben. Das für dieses Verfahren verwendete Papier ist relativ dick und in der Struktur ungleichmäßig; an manchen Stellen ist es dünner, und dort wird die Bütten-Rippung sichtbar. Ein Wasserzeichen ist nicht zu erkennen. Dicke Papiere mit ungleichmäßiger Fasernverteilung, die "Wolkigkeit", sind im 15. Jahrhundert etwa in Südwestdeutschland belegt. Dies kam zustande, wenn der Schöpfer des Papiers handwerklich noch unerfahren war (vgl. dazu S. Schultz, Papierherstellung im deutschen Südwesten: Ein neues Gewerbe im späten Mittelalter, Berlin und Boston 2018, S. 117). – Die sehr dezente Kolorierung, die wohl aus der Zeit stammt, beschränkt sich auf drei Farben: Rot für Teile des Nimbus, des Mantels und der Dächer der Häuser innerhalb der Weltkugel, Blau für den Himmel der Weltkugel und ein Braunton für die Erde, den Vogel und das Spruchband. – An den Haaren des Kindes und an den Kreuzesbalken sind deutliche Abriebspuren zu erkennen, die von Andachtsgebrauch herrühren.

Stärker gebräunt, wohl auch durch Wassereinwirkung gedunkelt und gequollen, an den Rändern mit Ausbrüchen und etw. fragil.

Single sheet print (contemporary partly coloured woodcut on rugged rag paper in rubbing technique). Probably mid-fifteenth or second half of the 15th century. Leaf size: ca. 21 x 16 cm. – An unknown version of the blessing Christ child with a banner and New Year’s blessing inscription. The tradition to give away such woodcuts for the New Year started in the 15th century, in the early days of woodcutting and was especially widespread in southern and western Germany. Only a few leaves of this tradition are preserved until today. Most of the leaves were related to calendars, even less common are the monographs of the blessing Child, as available here. The way of writing of this blessing, in contemporary German "Ein gutes seliges Jahr" (actually Happy New Year) always varies a little regarding the known leaves and also the illustration of the Child which normally stands on a flower in front of the crucifix trunk. In our case, however, the flower is replaced by a globe with the illustration of a landscape with houses and a water surface with a ship. The printing method of our leaf is based on a strongly pressed rubbing technique on thick rag paper. The printing took place on moistened paper which was rubbed on the printing block by means of a bag with animal hair. – The very discreet colouring, probably from this period, is limited to three colours: red for parts of the nimbus, the coat and the roofs of the houses within the globe, blue for the sky of the globe and a shade of brown for the earth, the bird and the banner. – Notable abrasion marks are recognizable at the hair of the Child and the beams of the crucifix which are caused by the use during prayers. – Stronger browned, probably also darkened and swollen caused by water exposure, margins with breakouts or somewhat brittle.