39: "ARTZNEY BÜCHLEIN vor J. Matheus Friderich Knaus".

Deutsche Handschrift auf Papier. Dat. Waiblingen, 1767 – um 1780. Ca. 180 Bl.(tls. von alter Hand paginiert). Beschäd. Pp. d. Zt. (100)
Schätzpreis: 1.200,- €


Büchlein mit circa 200 Heilmittelrezepten, einigen Abwehrzaubern sowie Mitschriften von Vorlesungen an einem Medizinalkollegium. – Lebensdaten und Studienort des auf dem Titel genannten J. Matheus Friderich Knaus (die Vornamen an anderer Stelle gekürzt als "Joh. Math. Frid.") waren von uns nicht zu ermitteln. Er ist aber wohl identisch mit dem "Chirurgen Matthäus in Waiblingen", der in der Neuen Deutschen Biographie (Bd. XII, 165) als Großvater des Malers Ludwig Knaus (1829-1910) angeführt wird, zumal ein Eintrag zur Hochzeit 1778 (auf dem zweiten Blatt des Büchleins) als Vornamen seiner Gemahlin "Mar(ia) Elisab(eth)" nennt und somit die Übereinstimmung mit den Vornamen der Gemahlin des Waiblinger Chirurgen belegt. Daß es in Waiblingen allerdings mehrere Bader und Chirurgen aus der Familie Knaus gab, belegt der beiliegende Lehrbrief für den Wundarzt Christian Gottlieb Knaus, Sohn des Waiblinger Baders Johann Christoph Knaus.

Der Zeitpunkt des Beginns der Aufzeichnungen ist auf dem Titel festgehalten: "Angefangen 1767 in Waiblingen". Neben dem Eintrag zur Hochzeit gibt das im hinteren Teil des Büchleins eingetragene Datum 8. 5. 1779 einen Hinweis auf seine Entstehung über einen Zeitraum von wohl zwei Jahrzehnten hinweg. Der wechselnde Duktus der Kurrentschrift deutet auf die Beteiligung mehrerer Schreiber. – Am Beginn (ca. 50 Bl.) sind vorwiegend Rezepte mit Mengenangaben und teils auch mit Hinweisen zur Anwendung notiert. Oft sind für dieselben Beschwerden, wie Verstopfung, Hexenschuß, Zahnschmerzen, Seitenstechen, Fieber, Bandwurm, Wassersucht, Ruhr, Nasenbluten oder "Brustbeschwerung", verschiedene Pulver oder Salben aufgeführt. Ein zusammenhängender Abschnitt gilt den Leiden von Schwangeren und den Geburten. Vereinzelt sind Quellen genannt, etwa "aus der Apotheke" oder "Doct. Ettmüllers". Eingestreut sind Rezepte mit magischen Praktiken. So hilft gegen "Bezauberung" eine Mischung aus dem Blut einer schwarzen Katze und eines jungen Hundes (drittes Blatt). Ein anderes Mittel besteht aus Menschenblut und Menschenschmalz, "von einem gehenkten oder aufs Rad gelegten Menschen (verstehe der schon eine Zeit am Wetter geweßen) in dem zuhnemenden Mond gesamlet" (S. 42). Der Hexerei kann man sich mittels verschiedener Kräuter und Urin erwehren, aber auch mit "einem Nagel von einem Sarg und einem Nagel von einem Roß" (S. 94). Unter der Überschrift "Collegium" folgen systematische Abhandlungen, nach Themen wie Emetica (Brechmittel), Laxantia (Abführmittel) oder Anthelmintica (Wurmmittel) geordnet (S. 100-263). Dazwischen eingeschoben findet sich ein "Verzeichnuß der sieben Planeten welche die Kranckheiten verursachen" mit zugehörigen "Exempla" (7 Blätter) und, beginnend mit dem erwähnten Datum 8. Mai 1779, wiederum einige Heilmittelrezepte mit ihren Anwendungen (4 Blätter). Am Ende gibt es alphabetische Register zu den Krankheiten sowie Verzeichnisse der Apothekengewichte und "aller Zeichen od(er) Characteren welche in der Medicin und Chemie gebraucht werd(en)". Schließlich zeugt der auf dem letzten Blatt eingetragene "wohl approbierte" Wundsegen, der mit einer Christusanrufung beginnt und mit astrologischen Symbolen endet, für die tiefe Verwurzelung abergläubischer Rituale in der Barockmedizin.

Block gebrochen, zwei Blätter vor der Paginierung entfernt, etw. fleckig, leicht gebräunt.

DAZU: LEHRBRIEF. Deutsche Urkunde auf Papier. Dat. Stuttgart, 10. 6. 1746. Ca. 30 x 47 cm. Mit Schreibmeisterinitiale und 3 Zl. Auszeichnungsschrift. – Mit zwei Siegeln. – Zeugnis für Christian Gottlieb Knaus, Sohn des Waiblinger Baders Johann Christoph Knaus, über seine Lehre der "Barbier- und Wund-Artzney-Kunst" bei Johann Daniel Gechter, Chirurgus juratus primarius, in Stuttgart von 1743 bis 1746. Mit Unterschrift und Siegel des Lehrherrn sowie dem Siegel von Christian Ludwig Mollwitz, Hofchirurg, Chirurgus juratus und "Ob-Meistere der Barbierer Haupt-Laden" in Stuttgart. – Gefaltet und mit Einrissen an den Falzen (verso Klebestreifenspuren), mit Klebespur, wasserfleckig, einzelne Bleistiftkritzeleien.