3458: SCHIELE, EGON

(Tulln, Niederösterreich 1890-1918 Wien), Porträt eines stehenden Jungen (wohl Herbert Rainer). Bleistift auf dunklem chamoisfarb. Velin (Packpapier). Monogrammiert "S.", nicht bezeichnet, dat. (19)10. 44,8 x 31,4 cm. – Einzelne minimale Randläsuren, geringe Knickspuren. – Unter Passepartout (dieses mit Sammlungsstempel). (208)
Schätzpreis: 80.000,- €
regelbesteuert 19% MwSt.
Ergebnis: 60.000,- €


Provenienz:

Aus der Münchener Privatsammlung Georg und Wilhelm Denzel. Von Wilhelm Denzel wahrscheinlich in den zwanziger Jahren erworben, seither im Familienbesitz verblieben. Die Sammlung Denzel war eine der umfangreichsten privaten Sammlungen von Zeichnungen und Druckgraphik in Süddeutschland und wurde in unserem Hause sukzessive versteigert. Ein Schwerpunkt waren Handzeichnungen und Karikaturen aus der Zeit um 1900.

Expertise:

Die Zeichnung wurde durch Mrs. Jane Kallir im Original begutachtet. Sie hat die Echtheit bestätigt und wird das Blatt mit der Nummer D. 461a in den Nachtrag ihres Schiele-Werkverzeichnisses aufnehmen. Das Photozertifikat von Jane Kallir, ausgestellt am 10. Juni 2016 in New York, liegt bei.

Die Zeichnung gehört zu einer Gruppe von Knabenporträts, die Schiele um das Jahr 1910 von einigen Jungen aus seiner Wiener Nachbarschaft angefertigt hat. Vergleiche lassen vermuten, daß es sich bei dem Dargestellten um den "Rainerbuben" handelt, den im Jahr 1910 sechsjährigen Knaben Herbert Rainer, den Schiele mehrfach in der Zeit porträtiert hat. Große Ähnlichkeit mit unserem Blatt hat insbesondere eine Zeichnung im Metropolitan Museum of Art in New York, die nach Jane Kallir als gesichertes Porträt Herbert Rainers gilt. Auch die Darstellung dreier Straßenjungen in der Albertina in Wien ist unserem Porträt nahe verwandt. Hier dürfte der hintere Junge mit denselben dunklen, ausdrucksvollen Augen mit dem Modell unseres Blattes identisch sein. Auch auf dieser Zeichnung sind die Kinder leicht in Untersicht dargestellt. Die Zeichnungen in New York und Wien stammen beide ebenfalls aus dem Jahr 1910 (siehe: Jane Kallir, Egon Schiele. The Complete Works Including a Biography and Catalogue Raisonné, New York 1990, S. 400, Nrn. 456 und 461).

Unsere Zeichnung ist damit Teil einer Reihe von Knabenporträts des im Schaffen Schieles sehr produktiven Jahres 1910, der Phase seines "expressiven Durchbruchs". Sie reiht sich stilistisch in diesen Kontext ein und zeigt alle typischen Merkmale dieser entwicklungsreichen Schaffensphase. In harter, ausdrucksvoller Linienführung sind die Konturen bei nur sparsam verwendeten Binnenlinien kräftig umrissen. Bestimmte Merkmale wie die Hände und die charakteristischen breiten Daumen sind deutlich überpointiert. Realistische Züge werden weitgehend ins Flächige umgesetzt, gezielte Deformationen verändern die Proportion und steigern so den Ausdrucksgehalt. In den Gesichtszügen mit den eindringlich blickenden Augen wird das tatsächliche Vorbild, die reale Physiognomie des Jungen, noch am meisten erkennbar. Der Verzicht auf jegliche Andeutung von Räumlichkeit im Umfeld führt zu einer strengen Konzentration auf den Dargestellten im Spannungsfeld von linearer Komposition und Resten realer Körperlichkeit. Wie auf unserem Blatt, signierte Schiele die Werke dieser Zeit gewöhnlich mit Monogramm und Datum "S.10." Festes getöntes Packpapier hat Schiele in dieser Zeit häufiger als Bildträger verwendet.

Provenance: From the Munich private collection Georg and Wilhelm Denzel. Probably purchased by Wilhelm Denzel in the nineteen-twenties, since then in family ownership. The Denzel collection was one of the most extensive private collections of drawings and prints in South Germany and was gradually auctioned by our house. The points of focus were hand drawings and caricatures from the time around 1900.

The authenticity of the drawing was confirmed by the Schiele expert, Mrs. Jane Kallir. The certificate of authenticity by Mrs. Kallir is enclosed, she will include the leaf with the number D. 461a in the supplement of her Schiele catalogue raisonné.

Portrait of a standing boy. Pencil drawing on dark chamois-colored vellum (brown wrapping paper). Monogrammed "S.", dated (19)10. 17,6 x 12,3 inches. – So far unknown portrayal of a little boy several times pictured by Schiele in this year, very probably Herbert Rainer. Our drawing shows the closest resemblance with a portrait that can be found in the Metropolitan Museum of Art at New York. This picture is also from the year 1910 (see: Jane Kallir, Egon Schiele. The Complete Works Including a Biography and Catalogue Raisonné, New York 1998, drawings, no. 456). The style of the drawing is identical in both cases. Another drawing portraying three boys (Vienna, Albertina – Kallir 461) also shows the physiognomy of this boy and the drawing style of our portrait. Our leaf belongs therefore to a series of sketches made by Schiele in his very productive year 1910. Like on our leaf, Schiele usually signed the works of this period with monogram and date "S.10."

Some minor damages at margins, slight crease marks. – Under passe-partout (the latter with collection stamp).