3318: MAASSEN – BLEHMCHES, E. S.,

Erbrochene Siegel. ("Czenstochau, Klosterpresse"), 1912. 61 S., 1 Bl. Orig.-Brosch. (leichte Gebrauchs – und Altersspuren, hinterer Deckel mit kleinem hinterlegten Einriß). (248)
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Einzige Ausgabe. – Klinckowstroem 374. – In 100 Exemplaren aufgelegter Münchner Privatdruck mit 31 hocherotischen Gedichten in diversen lyrischen Formen. Vorgeblich gesammelt und einem Fräulein Anni Pillrich dargeboten von Ede S. Blehmches, tatsächlich aber bis auf die beiden Texte von Johann George Scheffner wohl alle Gedichte verfaßt von Carl Georg von Maassen (1880-1940). Virtuos besingt der allen Freuden des Lebens zugetane Literarhistoriker Maassen unterschiedliche Arten der Sexualität, und weil er schon als Dreißigjähriger ein großer Kenner sowohl der Dichtung wie der Welt des Buches war, legt er mit profunden gelehrten Einleitungen seine Gedichte teils historischen Personen – der Gottschedin, Friedrich Schlegel – , teils fiktiven Gestalten – Johann Elias Barbst [mit dem er sich selbst meint] oder Adam Nepomuk Thudichum – in den Mund und schafft so ein wahres Meisterstück literarischer Mystifikation.

Der Sinologe und Bibliothekar Hartmut Walravens führt die "Erbrochenen Siegel" in seiner erschöpfenden Franz-Blei-Bibliographie (AGB 64, 2009, S. 53-180) unter der Überschrift "Schriften von Franz Blei bis 1942" auf (S. 88, Nr. 344). Das ist in dieser Form sicher falsch und könnte durch Paul Englisch hervorgerufen sein, der die in den "Erbochenen Siegeln" enthaltenen "Zehn Sonette von Friedrich Schlegel" Alexander Bessmertny zugeschrieben hat. Bessmertny "schickte dieses sein ureigenstes Opus Franz Blei ein, der es in dem Privatdruck ‘Erbrochene Siegel’ mit einer hochgelahrten Vorrede veröffentlichte, worin er unter vorgebundener Maske der Wissenschaft anscheinend den Beweis führte, daß niemand anderer als der berühmte Romantiker Friedrich Schlegel der Verfasser dieser Erotika sein könne" (Bilder-Lexikon II, 694). Daß Blei einen schöpferischen Anteil an den "Erbrochenen Siegeln" gehabt haben kann, wollen wir indes nicht gänzlich ausschließen – war er doch mit Maassen befreundet und mit ihm und anderen Begründer der Münchner Gesellschaft der Bibliophilen, in deren Kreisen in der Frühzeit allerlei Ulk gedieh. – Im kleinen "Eymer" fehlt das Pseudonym Blehmches, in der vom Saur-Verlag in Auftrag gegebenen, im Eilverfahren von Michael Peschke kompilierten großen "International Encyclopedia of Pseudonyms" gleichermaßen. – Bindung tls. gelöst. – Unbeschnitten. – Im Handel höchst selten.