3041: SIDOTTI – "Joannes Sydoti presbyter Saec[ularis]".

Ölgemälde auf Leinwand. Nicht sign., in dreizeiligem Textfeld bezeichnet, nicht dat. (wohl Süddeutschland, um 1720). 118,8 x 88,5 cm. – Erneuerter Keilrahmen. (57)
Schätzpreis: 5.000,- €
Ergebnis: 2.500,- €


"The Last Missionary" – die einzige Darstellung des Japan-Missionars aus der Barockzeit. – Das vorliegende eindrucksvolle, großformatige Porträt des bedeutenden Japan-Missionars und Jesuiten Giovanni Battista Sidotti, geboren 1668 in Palermo, gestorben 1714 in Tokio, ist, soweit von uns ermittelbar, die einzige Darstellung, die von ihm aus dem Barock überliefert ist. Auch aus späterer Zeit existieren keinerlei Porträts oder porträtähnliche Darstellungen Sidottis bis auf einen in jüngster Zeit in Japan unternommenen Versuch, sein Äußeres zu rekonstruieren (dazu unten). Die Suche über den Marburger Bildindex bleibt jedenfalls derzeit [März 2019] ohne Ergebnisse. Eine Erklärung für diese Bildlosigkeit ist ziemlich sicher darin zu sehen, daß Sidotti trotz der lebensgefährlichen Mission und seines Todes in Gefangenschaft weder selig- noch heiliggesprochen worden ist und daher von ihm entsprechende religiös intendierte Bilder fehlen.

Umso auffälliger ist, daß unser Porträt Sidotti wie einen Heiligen präsentiert, in Anlehnung an die typische Ikonographie von Missionarsheiligen, darunter in erster Linie Darstellungen seines großen hochverehrten Ordensbruders, des heiligen Franz Xaver. In schwarzer Soutane steht Sidotti vor einer gebirgigen exotischen Landschaft mit Palmen, im Kniestück und Halbprofil nach links gewandt, die Arme in Brusthöhe erhoben, wobei er in der Rechten ein Kruzifix hält, das er drei dunkelhäutigen Soldaten in recht exotisch wirkender Rüstung und Uniformierung vor Augen führt. Diese drei Soldaten, die teils Federschmuck tragen, sollen wohl weniger für das missionierte Japan oder das zuvor von Sidotti aufgesuchte Manila stehen, sondern die generelle Weltmission der Jesuiten verkörpern. Der vorderste der drei blickt das Kreuz bereits andächtig an.

Unterhalb der Darstellung ist in schwarzer Schrift auf braunem Grund zu lesen: "Joannes Sydoti presbyter Saec[ularis] prinum [i. e. primum] Manilae in Indiae oriendali [orientali] per 4 annos, dein per plures in Japonia missionarius, bis ab idolola[t]ris ad rogum, ut vivus combureretur ductus, bino miraculo conservatus." (Der Weltpriester Giovanni Sidotti, der zunächst im ostindischen Manila vier Jahre, danach mehrere Jahre in Japan Missionar gewesen ist, wurde zweimal von den Götzendienern zum Scheiterhaufen gebracht, um lebendig verbrannt zu werden, und ist beide Male durch ein Wunder vor dem Tode bewahrt worden.) Die zweifache Bewahrung vor der Hinrichtung durch göttliches Eingreifen berichtet auch der spanische Franziskanerpater Agustín de Madrid in seiner Lebensbeschreibung des Missionars, erschienen 1717 in Madrid, in deutscher Übersetzung 1719 bei Mettins Witwe in Augsburg publiziert als "Kurtzer Bericht von der Reiß nach der Stadt Manila in Indien …" Dort heißt es, Sidotti sei an zwei Tagen bei heiterem Wetter zur Richtstätte geführt worden, doch jedesmal ereignete sich ein furchtbares Unwetter, das zum Abbruch der Hinrichtung geführt habe. Ausführlicher noch wird von der zweifachen Errettung vor dem Feuertod und einer schließlich angeblich erfolgten Bekehrung des "Königs" von Japan, nachdem dieser das wunderbare Licht im unterirdischen Verlies des Heiligen gesehen hatte, in der ebenfalls von der Witwe Mettin in Augsburg gedruckten anonymen Schrift "Neues Wunder der göttlichen Allmacht" berichtet. Das "Neue Wunder" ist bereits ein Jahr nach dem Tod Sidottis erschienen und setzt mit einem Schreiben an den Papst ein. Ganz offensichtlich beabsichtigte man, mit diesen Wunderberichten die Heiligsprechung Sidottis zu erreichen. Das Erscheinen beider Werke in Augsburg läßt darauf schließen, daß es Augsburger Jesuiten waren, die sich besonders dafür verwendet haben. In ebendiesem Zusammenhang dürfte auch unser Porträt entstanden sein. Nicht nur, daß der Text unterhalb der Darstellung explizit auf das zweifache Wunder der durch göttliches Eingreifen erfolgten Errettung vor dem Feuertod hinweist, auch die im Bild betonte Präsentation des Kruzifixes als Zeichen der Bekehrung und des Sieges des Christentums muß im Kontext mit den Augsburger Wunderberichten gesehen werden. So wird in dem 1715 publizierten Schriftchen "Neues Wunder der göttlichen Allmacht" besonders herausgestellt, daß alle Ankommenden in Japan zum Zeichen der Verleugnung des christlichen Glaubens das Kreuz mit Füßen treten mußten. Nach 1719 sind keine derartigen Schriften mehr erschienen, die die angeblichen Wunder Sidottis in den Mittelpunkt stellen, und zu einer Heiligsprechnung ist es nie gekommen. Schon aus diesem Grund ist davon auszugehen, daß unser Ölbild in der Zeit der Erscheinung der Schriften, also den ersten Jahren nach dem Tod Sidottis, kaum aber später als etwa 1730 entstanden ist, was der stilistische Befund bestätigt. Die Malerei ist durchaus qualitätvoll, besonders die Gruppe der schwarzen "exotischen" Soldaten ist ganz bemerkenswert. Ein Meister im Umkreis der Augsburger Akademie kann durchaus vermutet werden.

Sidottis Bedeutung liegt insbesondere darin, daß er als der letzte christliche Missionar gilt, der in der Abschottung der Edo-Zeit noch nach Japan gelangen und dort wirken konnte. Seiner Würdigung im heutigen Japan gab die 2014, genau 300 Jahre nach Sidottis Tod, erfolgte Auffindung seiner Gebeine unterhalb eines Hauses in Tokio großen Auftrieb. Dank neuester Technologie konnte man aus dem Schädel sein Aussehen rekonstruieren, der so hergestellte Kopf ist heute im National Museum of Nature and Science in Tokio zu besichtigen. Fund und Rekonstruktion gingen durch die internationale Presse, in Japan entstand unlängst eine Dokumentation unter dem Titel "The Last Missionary. Requiem for Father Sidotti", und der große US-amerikanische Regisseur Martin Scorsese verwendete Motive aus der Geschichte Sidottis in seinem 2016 entstandenen Missionsfilm "Silence". Die frappierende Ähnlichkeit des in Japan aus den Gebeinen rekonstruierten Kopfes mit unserem Porträt über fast dreihundert bildlose Jahre hinweg, in denen gar kein Porträt Sidottis bekannt gewesen ist, erlauben wir uns – bei aller gebotenen wissenschaftlichen Nüchternheit – als sensationell zu bezeichnen.

Ränder dubliert und mit leichtem Farbabrieb, etw. Krakelee.

"Joannes Sydoti presbyter Saec[ularis]". Oil on canvas. Not signed, labelled in a three-line text field, not dated (probably South Germany, around 1720). 118,8 x 88,5 cm. – Renewed stretcher frame. – The present impressive and large-size portrait of the important Japan missionary and Jesuit Giovanni Battista Sidotti, born 1668 in Palermo, deceased 1714 in Tokyo, is the only depiction of him from the Baroque period as far as we were able to determine. There are no portraits or similar representations of Sidotti from a later time save for an attempt recently made in Japan to reconstruct his appearance (see below). An explanation for this could be that Sidotti inspite of his life-threatening mission and his death in captivity had not been beatified or canonised and therefore religious pictures are missing. – Below the picture in black letters on brown background: "Joannes Sydoti presbyter Saec[ularis] prinum [i. e. primum] Manilae in Indiae oriendali [orientali] per 4 annos, dein per plures in Japonia missionarius, bis ab idolola[t]ris ad rogum, ut vivus combureretur ductus, bino miraculo conservatus." (The secular priest Giovanni Sidotti, who was first missionary in East Indian Manila for four years, then several years in Japan, was twice brought to the stake by idolators in order to be burnt alive, and both times he had been saved by a miracle.) The two-fold preservation from death by divine intervention is also related by the Spanish Franciscan priest Agustín de Madrid in his biography of the missionary, published in Madrid in 1717. – Sidotti is considered as the last Christian missionary who in the isolation of the Edo period was able to get to Japan for missionary purposes. The discovery of his bones underneath a house in Tokyo in 2014, exactly 300 years after Sidotti’s death, had a great impact. Thanks to latest technology it was possible to reconstruct his appearance from the skull. The reconstructed head can now be seen in the National Museum of Nature and Science in Tokyo. The finding and the reconstruction had made headlines in the international press, in Japan a documentary was published under the title "The Last Missionary. Requiem for Father Sidotti", and the great US film director Martin Scorsese used motives from Sidotti’s history in his missionary film "Silence" made 2016. The striking resemblance of the head reconstructed in Japan from the skull with our portrait more than nearly three hundred years without any portrait of Sidotti, can be acclaimed as sensation. – Margins relined and with slight colour abrasion, some craquelure.