3029: CÄCILIANISMUS – BAMBERG – "THEORETISCH-PRACTISCHE ANWEISUNG ZUM CHORAL-GESANGE

mit steter Rücksicht auf die in der Bamberger Erzdioecese üblichen Choral-Melodien zum Gebrauche für Priester. Von Kotschenreuther, Gesanglehrer im geistl. Seminar, Vikar u. erzb. Secretär. Bamberg 1850." Deutsche Handschrift auf Velin. Dat. Bamberg, 1850. Gr.-4º (32 x 24,1 cm). Mit zahlr. Musikbeispielen in Choralnotation. 1 Bl., 88 S., 1 Bl. Etw. läd. Pp. d. Zt. mit hs. Deckelschild. (241)
Schätzpreis: 400,- €
Ergebnis: 360,- €


Bedeutendes Zeugnis des Vorcäcilianismus. – Eine von uns im Druck nicht nachweisbare Abhandlung, über deren Inhalt der Autor in der Vorrede schreibt: "Gegenwärtiger wissenschaftlicher Versuch über Choral zerfällt in 2 Theile: 1.) in den theoretischen und 2.) in den practischen Theil. Der theoretische Theil beginnt in gedrängter Kürze mit der Geschichte über den Choral im Alterthume, er handelt dann von der Beschaffenheit der Töne, von den 8 Kirchentonarten und ihrem Charakter, von den Noten und der Zeitdauer der Töne, von den Pausen und Schlüsseln, von den weichen und harten Tonarten und ihren Intervallen und gibt endlich einige Winke über den Vortrag des Chorals und über die Orgel-Begleitung bei Choral-Gesaengen. Der praktische Theil beschäftigt sich mit Absingung des Officii divini nach dem Breviarium, Missale und Processionale mit steter Rücksicht auf die Gesangweisen, wie sie in der Erzdiöcese Bamberg gebräuchlich sind."

Die besondere Bedeutung des in sauberer Handschrift abgefaßten, mit Sicherheit zur Veröffentlichung bestimmten Manuskripts liegt darin, daß es sich hier um ein Dokument handelt, in dem sich die vielfältigen Bestrebungen zur Erneuerung der katholischen Kirchenmusik und des Choralgesangs als Grundlage der Musik im liturgischen Kontext überhaupt unmittelbar vor dem Cäcilianismus manifestieren. Wichtig ist dabei vor allem, daß versucht wird, die Theorie des Chorals mit den Möglichkeiten seines Einsatzes in der Praxis zu verknüpfen.

Der Cäcilianismus wurde durch den Theologen und Kirchenmusiker Franz Xaver Witt (1834-1888) ins Leben gerufen. Als Gründungsdatum gilt das Jahr 1868, in dem sich der Allgemeine Cäcilienverein für die Länder deutscher Sprache in Bamberg konstituiert hat. Der heute fast vergessene Friedrich Dionys Kotschenreuther (wohl 1822-1891), der den Traktat verfaßt hat und Gesangslehrer am geistlichen Seminar in Bamberg gewesen ist, muß auf Grund der vorliegenden Abhandlung als wichtiger und bedeutender Vertreter des Vorcäcilianismus gesehen werden, als einer der Wegbereiter, der tatsächlich nachweislich mit Witt in Korrespondenz stand. Wie dem Kalliope-Verbundkatalog derzeit [Mai 2020] zu entnehmen, hat sich ein Schreiben von Kotschenreuther an Witt (Gößweinstein, 13. 10. 1876) erhalten; wahrscheinlich waren die beiden Männer näher miteinander bekannt oder gar befreundet. Welchen Einfluß der zwölf Jahre ältere Kotschenreuther auf Witt ausgeübt hat, ließe sich möglicherweise bei genauerer Analyse anhand unseres Manuskripts ermitteln. Und wenn nicht, ist es immerhin ein aufschlußreiches Dokument über die Kirchenmusikpraxis in der Bamberger Erzdiözese im mittleren 19. Jahrhundert. – Etw. fleckig und gebräunt.