164: VOSS – SCHÖRNER –

"An die Regierung der U.d.S.S.R. Moskau/Kreml." E. Deklaration (zweiter Entwurf) von Ferdinand Schörner, ehemaligem Generalfeldmarschall des deutschen Heeres, in seinem und im Namen von Hans-Erich Voss, dem ehemaligen Vizeadmiral der deutschen Kriegsmarine, abgefaßt und mit beider e. U. Nicht dat. (Moskau, Dezember 1954 oder Anfang Januar 1955). 27,8 x 20,3 cm. Eine Seite. (1)
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Ein NS-Kriegsverbrecher schreibt eine Eloge auf die menschliche Behandlung in Rußland. – Ferdinand Schörner (1892-1973) war nicht nur einer der ranghöchsten Kriegsverbrecher innerhalb der deutschen Wehrmacht, er war auch unbarmherzig den eigenen Soldaten gegenüber, der Deserteure ohne Verfahren am nächsten Baum aufhängen ließ – den "Blutigen Ferdinand" hat man ihn genannt. Es mutet schon sehr seltsam an, wenn ausgerechnet ein solch abgründig unmenschlicher militärischer Repräsentant des NS-Regimes vom ehemaligen Kriegsgegner geradezu schwärmerisch betont, wieviel Menschlichkeit ihm und seinem Mitgefangenen, dem ehemaligen Vizeadmiral Voss, entgegengebracht worden sei: "Wir bitten die Sowjetregierung, unseren aufrichtigen, warmen Dank für Ihre Haltung uns gegenüber entgegen zu nehmen. Die Sowjetregierung kann überzeugt sein, dass wir nach allen diesen Beweisen hoher Menschlichkeit die Sowjetunion nicht mit feindlichen Gefühlen verlassen, sondern dass wir uns in unserer Heimat bemühen werden, unseren Beitrag zu leisten zu einem tieferen Verständnis zwischen einem von uns erhofften einigen demokratischen Deutschland und Ihrem Land." Mehr Heuchelei dürfte kaum auf ein Blatt Papier zu bekommen sein – soweit das Schörner betrifft, Voss ist dies sicherlich nicht vorzuwerfen. Offenbar genossen beide diverse Vorzüge prominenter Gefangener, die den einfachen Soldaten, von denen viele die Lagerhaft nicht überlebt haben, verwehrt geblieben sind. Schörner war im Februar 1952 in der Sowjetunion zu 25 Jahren Zwangsarbeit verurteilt worden und blieb bis Ende 1954 in verschiedenen Lagern inhaftiert, wurde aber schon am 15. Januar 1955 entlassen. Am 13. Juli 1955 beschloß der deutsche Bundestag eine rückwirkende Änderung der Bundesdisziplinarordnung, die "Lex Schörner", um Schörner wenigstens seine Versorgungsbezüge aberkennen zu können. Endlich wurde im Jahr 1957 gegen Schörner auch in Deutschland Anklage wegen seiner vielen Todesurteile bei Kriegsende erhoben, und er wurde zu viereinhalb Jahren Freiheitsstrafe verurteilt, die Pensionsberechtigung wurde Schörner aberkannt. Schon 1960 wurde er aus Gesundheitsgründen jedoch vorzeitig aus der Haft entlassen. – Am linken Rand als "II. Entw[urf]" gekennzeichnet, hier mit Streichung der Worte "nach fast 10jähriger Gefängnishaft". – Voss war dagegen nicht wegen Kriegsverbrechen verurteilt worden, sondern befand sich wie Tausende deutscher Soldaten in sowjetischer Kriegsgefangenschaft. Als ständiger Vertreter von Großadmiral Karl Dönitz war er allerdings ein besonderer Gefangener aus dem Kreis der höchsten militärischen NS-Führungsriege. – Die für die Sowjetregierung bestimmte Endfassung des Schreibens ist nicht bekannt.

Teile eines Fingerabdrucks in Tinte, wohl von Schörner, am oberen Rand, leichte Faltspuren, gering gebräunt. – Sechs Beilagen, darunter ein Brief des Suchdienstes des Deutschen Roten Kreuzes in München an Herta Voss, die Frau von Hans-Erich Voss (München, 6. 5. 1954), eine Liste des DRK mit den Gefangenen der Lagergruppe Moskau, ein Telegramm über das Eintreffen von Voss in Ostberlin am 17. 1. 1955 und ein Telegramm von Voss aus Dresden an seine Familie (18. 1. 1955).