162: VOSS – GÄSTEBUCH DER KÜSTENARTILLERIESCHULE (K.A.S.) DER MARINE WILHELMSHAVEN

mit zahlr. Einträgen der Teilnehmer (über 300 Signaturen, fast alle von hohen Marineoffizieren) der ca. 30 Offizierslehrgänge in Wilhelmshaven und Wangerooge von Juli 1926 bis Mai 1931. 23,6 x 18,4 cm. Mit 24 Originalphotographien (eine auf dem Vorderdeckel mont.) und zahlr. Zeichnungen verschied. Einträger, meist in Tusche und Bleistift, einzelne unter Verwendung ausgeschnittener Teile (Köpfe) aus Photos. 81 nn. Bl. Dunkelbraunes Kunstldr. d. Zt. (beschabt und bestoßen). (1)
Schätzpreis: 2.000,- €
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Der erst in jüngster Zeit wiederentdeckte Nachlaß von Vizeadmiral Hans-Erich Voss (1897-1969), der am Ende seiner Marinelaufbahn bis zum ständigen Vertreter von Großadmiral Dönitz aufgestiegen ist, gewährt aufschlußreiche Einblicke in die Karriere eines der führenden Angehörigen der deutschen Marine vom Ersten Weltkrieg über die zwanziger Jahre bis hin zum Aufstieg in die höchsten Militärränge und den engsten Umkreis Hitlers im Dritten Reich. Das vorliegende Album dokumentiert einen besonders wichtigen Lebensabschnitt des zu dieser Zeit etwa Dreißigjährigen, der bereits mit Beginn des Jahres 1928 zum Kapitänleutnant ernannt worden und 1929 für ein Jahr Führer der Flak-Kompanie bei der I. Marine-Artillerie-Abteilung in Kiel gewesen ist. Vom 29. September 1930 bis März 1934 wirkte Voss dann als Lehrer an der Küstenartillerieschule Wilhelmshaven. Im Anschluß ist er in die Marineleitung in Berlin aufgestiegen und wurde 1934 zum Korvettenkapitän befördert. Das Album gehörte Voss wohl persönlich, wenn sich auch nirgends eine Widmung an ihn findet. Vielmehr ist es eine Art launiges Tage – oder Gästebuch, in das sich die Teilnehmer der jährlich mehrfach abgehaltenen Flak-, Flakleiter-, Flakeinheits-, Stabs – und Wehroffizierslehrgänge sowie eines Lehrgangs für Waffenbeamte eingetragen haben. Ihre Texte und Bilder bestehen in Erinnerungen, Persiflagen auf Lehrer, Referenten, Kommandeure und einzelne Kursteilnehmer sowie auf Ereignisse während der Lehrgänge, Gedichten, Satiren und ähnlichem, meist erheiternden oder spöttischen Inhalts. Nahezu alle Texte sind mit kleinen Zeichnungen in erstaunlich gekonnter Manier illustriert, manchmal unter Verwendung von Photos oder Photoausschnitten in Kombination mit Zeichnungen. Die oft feucht-fröhlichen Begebenheiten, manche auch mit Damen, zeigen, daß es während der Lehrgänge ziemlich ungezwungen zugegangen sein muß, zumindest in den Zeiten außerhalb von Dienst und Unterricht. Die Erinnerungen waren für manchen der Teilnehmer offenbar sehr angenehmer Art, beim Durchblättern bekommt man fast den Eindruck eines Photoalbums mit diversen Strandurlauben, was wohl nicht ganz falsch ist; in einem Eintrag ist zu lesen, "die schönen Tage von Wangeroog sind nun vorüber". Die Photos zeigen überwiegend die Freizeitgestaltung, manche auch die Ausbildung, dazu Gruppenbilder der Lehrgangsteilnehmer, manchmal an Bord, manchmal in fröhlicher Runde in den Dünen sitzend.

Die Einträger in unserem Album sind nahezu alle Marineoffiziere, darunter zahlreiche, die sich schon auf steilem Karriereweg befanden. Nicht wenige sind später im Dritten Reich in das oberste Marinekommando aufgestiegen, darunter etwa 70 (!) in den Admiralsrang und viele, die Kommandeure von Kriegsschiffen und U-Booten gewesen oder noch geworden sind. Hier seien beispielsweise genannt: Generaladmiral Hans Georg von Friedeburg, Admiral Theodor Krancke, Chef des Marineoberkommandos Norwegen, Admiral Wilhelm Meisel, Chef der Seekriegsleitung, Admiral Werner Tillessen, Chef der Marinestation der Nordsee, Admiral Hans Zenker, Chef der Marineleitung der Reichsmarine und der Kapitän zur See Hans Langsdorff, der berühmte letzte Kommandant der "Admiral Spee"; dies ist nur eine geringe Auswahl hochrangiger Marineangehöriger in diesem Album. Die K.A.S. Wilhelmshaven war offenkundig eine Eliteschule der Marine im deutschen Reich, was heute kaum noch bekannt ist. Die Ausbildung an der Schule war aber auch für Angehörige anderer Teile der Wehrmacht offen, am Einheitsflaklehrgang 1928 nahmen 13 Heeresoffiziere teil, darunter der spätere General Ferdinand Jodl, Bruder von Alfred Jodl. Und sogar vier königlich ungarische Offiziere durften an einem der Lehrgänge teilnehmen. Unter den Beiträgen finden sich auch zwei gereimte "Flak A B C" (April und Mai 1929), die über mehrere Seiten mit reizvollen kleinen Zeichnungen illustriert sind. Die Darstellungen diverser Personen und Situationen sind teils mit erstaunlichem Gespür karikiert und zeichnerisch gekonnt erfaßt. Man fühlt sich zuweilen an satirische Zeitschriften der zwanziger Jahre erinnert. An einer Stelle glaubt man gar, eine Karikatur Hitlers vor sich zu haben: Ein nur mit der Badehose bekleideter dünner Mann mit gescheitelten Haaren springt, wild mit Pistolen um sich schießend, in einer Gebirgslandschaft herum, in der ein Rind steht, das ihm das Hinterteil zuweist und einen Fladen fallen läßt. Der begleitende Text verrät allerdings, daß es sich bei dem Dargestellten um Walter Hülsemann handelt, Kapitän zur See und Referent für Küsten – und Flakartillerie, also einer der Ausbilder, die öfter aufs Korn genommen wurden. Hier ist er dargestellt, wie er in den Dünen "nur im Badehöschen verhüllt" Schießübungen abgehalten hat, was wiederum den "Gemeindebullen verdroß". Dennoch könnte mit dieser Zeichnung, die ihm so ähnelt, indirekt auch Hitler gemeint gewesen sein, zumal der Lehrgang im unmittelbaren Vorfeld der Reichstagswahlen im Mai 1928 stattgefunden hat. Auch technische Aspekte der Ausbildung sind gelegentlich das Thema der Zeichnungen; so ist etwa die Darstellung eines Flakgeschützes mit Maßangaben versehen und über einem Quadratraster gezeichnet, darunter ein Gruppenphoto der Lehrgangsteilnehmer vor dem realen Geschütz. Neben den Ausbildungsorten Wilhelmshaven und Wangerooge ist als Eintragungsort auch zweimal der Kreuzer Amazone angegeben. Das Album ist in dieser Form eine große Rarität und ein ganz besonderes Geschichtszeugnis der deutschen Marine der Vorkriegszeit. – Leicht fleckig und gebräunt.

Guest book of the Coastal Artillery School (K.A.S) of the Navy Wilhelmshaven with numerous entries of the participants of the approx. 30 officer training courses in Wilhelmshaven and Wangerooge from July 1926 to May 1931. Over 300 signatures, almost all of them of high naval officers. With 24 photographs (one mounted on the front cover) and numerous drawings of various entrants, mostly in ink and pencil, some using cut-out parts (heads) from photographs. 81 leaves. – The only recently rediscovered estate of Vice-Admiral Hans-Erich Voss (1897-1969), who at the end of his naval career rose to the position of permanent representative of Grand Admiral Dönitz, provides revealing insights into the career of a leading member of the German Navy from the First World War through the 1920s to his rise to the highest military ranks and Hitler’s closest circle in the Third Reich. The entrants in our album are almost all naval officers, including many who were already on steep career paths. Quite a few later rose to the highest naval command in the Third Reich, including about 70 (!) to the rank of admiral and many who had been or still became commanders of submarines and warships. In this form the album is a real rarity and a very special historical testimony of the navy in pre-war Germany. – Contemporary dark brown leather (scratched and scuffed).