127: SCHULENBURG, F.-W. VON DER, Diplomat und Widerstandskämpfer des 20. Juli (1875-1944).

E. Brief mit U. ("Friedrich-Werner"). Dat. Tiflis, 27. 11. 1913. 4º. 12 Seiten. – Drei Doppelbl. mit gedrucktem Kopf "Kaiserlich Deutsches Konsulat". (2)
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Inhaltsreicher Brief, in dem der Diplomat Friedrich-Werner Graf von der Schulenburg seiner Mutter, die in Braunschweig wohnte, von seinem Leben und der Arbeit in Tiflis berichtet. Von der Schulenburg war von 1911 bis Anfang 1914 kaiserlicher Konsul in Tiflis. Den vorliegenden Brief hat er am Ende des Jahres 1913 und damit auch gegen Ende seiner Dienstzeit in Tiflis geschrieben: er ist eine Art Resümee der etwa drei Jahre am dortigen Konsulat, obwohl Schulenburg von seiner bevorstehenden Abberufung zu diesem Zeitpunkt noch nichts wissen konnte. Er berichtet über viel Arbeit durch Besucher, einen außergewöhnlich heißen Sommer und einen Besuch des Botschafters von St. Petersburg und dessen Familie, die ihn auch nach St. Petersburg eingeladen haben. In Tiflis sei alles sehr einfach, doch gäbe es hier sogar Millionäre, der Fürst von Melikoff hätte etwa ein Einkommen von umgerechnet 45.000 Mark. Dann schreibt er über lokale Speisen und Gewohnheiten, Ausflüge und Reisen, darunter ins Gebirge, wo die Gesellschaft bei armen Bergbauern übernachten mußte, über Trachten und einiges Weitere. Auch versichert er, daß ihm der "Einzug unseres Herzogs von Braunschweig große Freude bereitet" habe (am 1. November 1913). Er habe dem Ereignis aber nicht beiwohnen können und werde auch im April 1914 hier unabkömmlich sein, erst Anfang Mai werde er auf Urlaub gehen können. "An meine Versetzung von hier ist unter regelmäßigen Umständen noch kaum zu denken; ich dürfte wohl noch mindestens ein Jahr hier bleiben. Ich hoffe immer nach Prag zu kommen, weiß aber nicht, ob es gelingen wird. Ich kann ebensogut nach Südamerika geschickt werden." Auch Marokko sei schon im Gespräch gewesen. Für die kommenden Tage habe er eine Reise nach Baku "in dienstlichen Angelegenheiten" geplant, die Fahrt dauere 14 Stunden mit der Eisenbahn.

Friedrich-Werner Graf von der Schulenburg stand seit Sommer 1943 mit Carl Friedrich Goerdeler in Kontakt, um die Möglichkeiten eines Sonderfriedens mit der Sowjetunion zu erörtern. Schulenburg sollte dabei als Vermittler bei Stalin fungieren. Die Widerstandskämpfer sahen Schulenburg zeitweise sogar als deutschen Außenminister nach dem Staatsstreich vor. Als das Attentat vom 20. Juli 1944 gescheitert war, wurde er im Oktober des Jahres verhaftet, wegen Hochverrats angeklagt und zum Tode verurteilt. Am 10. November 1944 fand in Berlin-Plötzensee die Hinrichtung statt.

Eigenhändig adressierter Umschlag beiliegend (dieser stärker fleckig). – Stellenw. fleckig und gebräunt.