111: GOETHE, J. W. VON,

Dichter (1749-1832). E. Gedichtmanuskript (ohne U.) "Den Reimkollegen" (vierzeilge Strophe mit Überschrift) auf festem Bütten. Ohne Ort und Jahr (vielleicht um 1825/30). 9,7 x 15,9 cm. (8)
Schätzpreis: 3.000,- €


"Möchte gern lustig zu euch treten, / Ihr macht mir’s sauer und wißt nicht wie. / Gibt’s denn einen modernen Poeten? / Ohne Heautontimorumenie." – Ein bissiges, der meist zu Unrecht "zahm" genannten Abteilung der Xenien zugerechnetes Spottgedicht des alten Goethe über seine Dichterkollegen, zu denen er auf Distanz bleibt oder bleiben muß. Warum das so ist, begründet er durch ein dem Griechischen entlehntes Wortungetüm, das so viel wie "Selbsträcherei" oder "Selbstquälerei" bedeutet und auf Komödien des Menander und Terenz zurückgeht. – Daß diese Niederschrift von Goethe selbst stammt, ist auf Grund der charakteristischen Handschrift nicht zu bezweifeln. Unklar ist nur, zu welchem Zweck und in welcher Zeit sie entstanden ist. Gegen ein Gefälligkeitsautograph spricht die fehlende Unterschrift, obwohl die Form – das feste Papier und das kärtchenartige Querformat – gerade dafür ins Feld geführt werden könnten. Möglich wäre auch die Erklärung als privates Notat des noch – und vielleicht über einen längeren Zeitraum – unveröffentlichten Gedichts. Dann könnte das Autograph auch wesentlich älter sein als die zunächst angenommenen letzten Lebensjahre Goethes. Und darauf deutet wiederum die eigenwillige Anspielung auf den "Heautontimorumenos" und die Komödie des Terenz, die sich durch die Verdoppelung der Intrigen auszeichnet. Goethe hat daher den Titel mehrfach als Bezeichnung für einen derartigen literarischen Typus zitiert, etwa schon 1811 in Dichtung und Wahrheit. 1804 war eine deutsche Bearbeitung des Stücks auf Goethes Anregung am Weimarer Hoftheater aufgeführt worden, allerdings ohne jeden Erfolg (vgl. dazu: Eckard Lefèvre, Terenz’ und Menanders Heautontimorumenos, München 1994, S. 24-25). In dieser Zeit mögen vielleicht die Wurzeln unseres Vierzeilers liegen, was die Anspielung Heautontimorumenie sozusagen als Krankheit und Manie der Dichterkollegen dieser Zeit erklären würde; veröffentlicht wurde es indessen erst im siebten Buch der Zahmen Xenien, also aus dem Nachlaß, denn nur die ersten sechs Bücher der Sammlung sind in die Ausgabe letzter Hand eingegangen. Sie gelten als Altersweisheit des großen Dichters, doch wird natürlich nicht alles davon wirklich in den letzten Lebensjahren entstanden sein. Unser Kärtchen muß daher undatiert bleiben, auch das Papier verrät nicht viel, ein fragmentarisches Wasserzeichen am oberen Rand hilft nicht wirklich weiter. – Minimal gebräunt.

Goethe’s manuscript of the poem "Den Reimkollegen (to my rhyme-colleagues)". Four-line verse, unsigned, undated (maybe around 1825/30), on firm hand-laid paper. – Minimally tanned.