109: HARINGER, J.,

Dichter (1898-1948), Sammlung von 6 eigenhändigen Werkmanuskripten. Zwei Handschriften dat. 1942 und 1944, die übrigen undatiert (um 1930/40). Teils in deutscher Kurrent-, teils in lateinischer Schreibschrift. In verschied. wohl von Haringer selbst angefertigten Einbänden oder lose in Umschlägen (mit unterschiedlichen Alters – und Gebrauchsspuren). (16)
Schätzpreis: 1.800,- €
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Ergebnis: 6.000,- €


I. Drei kleine Verse. Nicht dat. 10,5 x 10,7 cm. 3 Doppelbl. Lose in Brosch.-Umschl. – 6 in Bleistift beschriftete Seiten mit den Gedichten "Einsicht", "Der Mieter" und "Gutes Andenken", jeweils vier Zeilen, "für seinen guten lieben R. Brüschweiler". Zweifach paraphiert mit "h" in Sütterlin, auf der ersten Seite in Bleistift, auf der dritten Seite, dem Titel, in Rotstift.

II. Kleine Notizen zur Lebenskunst. Auf dem letzten Blatt recto dat. "im Januar (19)44 von allen verlassen, nur nicht von Br(üschweiler)". 8,2 x 11,5 cm. 14 Bl., davon 13 in Tinte beschriftet, davon wiederum 10 mit mit den "Kleinen Notizen", das sind 35 Aphorismen zur Lebenskunst. Die kürzesten Sinnsprüche sind einzeilig, das längste Stück umfaßt neun Zeilen. In Pp. (auf dem Vorderdeckel mit Paraphe "h" in Kurrentschrift in blauem Buntstift; Vordergelenk geplatzt). – Zwei Kostproben aus Haringers Gedankenwelt: "Wenn Du nicht schlafen kannst, lies Geschichtsbücher, denn nichts ist langweiliger als die Weltgeschichte." – "Das Unglaublichste an Wundern ist: dass sie geschehen!"

III. Neue Verse. Nicht dat. 14 x 11 cm. 5 lose Bl., hs. paginiert 2-10, beidseitig beschriftet in schwarzer Tinte mit den Gedichten "Märchen", "Die Krone", "Sei nicht traurig, alle Wolken wandern", "Elegie", "Alt", "An Christel", "Resignation", "Träumerei", "Flüchtige Laune des Glücks" und "Herbst". In gefalt. Doppelbl. eingelegt (dieses auf der ersten Seite, dem Titel, mit Signatur "Haringer" in Sütterlin, auf der vierten mit dem "Auflagen"-Vermerk "für Freunde der Dichtung in 5 Exempl. geschrieben"; im Falz oben und unten eingerissen). – Fleckig.

IV. Neue Verse. Dat. 1942. 16,5 x 11 cm. 26 Bl. in 3 fadengehefteten Lagen in Pp. (Rücken fehlt). Alle Blätter recto beschriftet: auf der ersten Seite mit der Paraphe "h" in Sütterlin, auf der fünften mit der Widmung "Herrn Direktor Robert Brüschweiler in Verehrung(,) Schuld & Dankbarkeit", auf der siebten mit einem Dankeswort für denselben "R. B.", schließlich mit 16 Gedichten mit Titeln wie "Ewige Liebe", "Erinnerung an ein Paradies", "Das Glück I", "Das Glück II" oder "Das Märchen". Trotz desselben Titels wie die undatierten "Neuen Verse" ist keines der in den "Neuen Versen" von 1942 enthaltenen Gedichte textgleich mit den früheren, auch "Das Märchen" nicht. – Auf unbeschnittenem Bütten in Tinte.

V.Rembrandt. drei Original-Zeichnungen zu den Heiligen Drei Königen. nebst dem Gutachten über deren Echtheit von Prof. Dr. Nazi Hinternwackler. Nicht dat. Mit 3 auf Papiere in Beige, Schwarz und Rot mont. Tuschezeichnungen, mit den unterlegten Papieren auf hellblaue Trägerkartons aufgeklebt. Auf der ersten, dritten und vierten Seite beschriftetes Doppelbl., 3 beigefarbene Tägerkartons (blanko). Alles zus. in läd. Pp. mit hs. Deckeltitel "Rembrandt * Handzeichnungen" auf grünem Glanzpapier. – Haringers Name oder Paraphe ist zwar an keiner Stelle des Werkes genannt, doch ist das Werk zweifelsfrei von Jakob Haringer. Er hat verschiedene Pseudonyme benutzt, einen "Nazi Hinternwackler" als Nom de plume können wir nach unseren Recherchen in der einschlägigen Pseudonymenliteratur und im Internet nicht nachweisen. 1936 erkannten die Nationalsozialisten Haringer die deutsche Staatsbürgerschaft ab, 1939 kamen Haringers Publikationen auf die "Liste des schädlichen und unerwünschten Schrifttums"; so ist das despektierliche Pseudonym Ausdruck der politischen Haltung des Dichters ebenso wie des auch ihm innewohnenden Humors und Witzes. Ferner lassen der Einlieferungszusammenhang und die Widmung "dankbarst für R. Brüschweiler!" einen anderen Urheber als Haringer ausschließen, und zwar sowohl für das "Gutachten" wie für die Zeichnungen.

VI. Von der Freundschaft. Nicht dat. 18,8 x 15,5 cm. 12 Bl., davon 11 einseitig recto in Tinte beschriftet, in 2 fadengehefteten Lagen in Pp. Mit paraphiertem Deckeltitel (Umschlagpapier am Rücken oben und unten etw. eingerissen). – Das lange Freundschaftsgedicht umfaßt 7 Seiten, ist "für R. Brüschweiler geschrieben" und trägt am Ende den Vermerk "geschrieben fern der Heimat, in bitterer Fremde!" Aus diesem Hinweis läßt sich bei einem "Vagabundenleben ohne festen Wohnsitz" (Raabe, Die Autoren und Bücher des literarischen Expressionismus, S. 190) zwar keine Sicherheit gewinnen, wann Haringer das Gedicht geschrieben hat, aber vermuten, daß es aus den dreißiger Jahren stammt, als Haringer in die Schweiz emigriert ist und dort unter anderem vom Schweizer Ehepaar Maria und Robert Brüschweiler hochherzig unterstützt wurde (Mäzenen, denen auch die 1935 im Druck erschienenen "Notizen" gewidmet sind).

Beiliegt das Gedicht "Vom Beten", eigenhändig geschrieben "für R. Brüschweiler!" von Haringer und mit seinem vollen Nachnamen mit dem charakteristischen initialen "h" in Sütterlin signiert. 14,8 x 11 cm. Ein Blatt, einseitig beschriftet.

Autographen von Haringer sind im Handel selten, in einer so umfangreichen Sammlung wie der vorliegenden mit zahlreichen unbekannten Texten ein Glücksfall. Sie bietet einen vielfältigen Einblick in das Dichten, Denken und Empfinden Haringers, gibt Zeugnis seines liebevollen Buchgestaltens, zeigt die Dankbarkeit gegenüber einem seiner Gönner (Haringer war existenznotwendig angewiesen auf Menschen, wie offenbar der Direktor Brüschweiler einer war), liefert einen Fundus an Anschauungsstücken für die Vielgestaltigkeit von Haringers unterschiedlichen Handschriften und bereichert nicht zuletzt die Literaturwissenschaft, der ein bislang unbekanntes Pseudonym zugewachsen ist.