1: JACOBUS DE VORAGINE –

Frühe Abschrift der "Sermones quadragesimales" des Jacobus de Voragine. Lateinische Handschrift auf Pergament. Südfrankreich ?, um 1300; Register, einzelne Ergänzungen, Marginalien und Korrekturen wohl Mitte 14. Jhdt. Ca. 20 x 15 cm. Mit kleiner Fleuronné-Initiale am Beginn sowie vielen Initialen in Mennigrot; durchgehend rubriziert. 5 nn. Bl. (Register; ohne das letzte Bl.), CXXXVII (im 14. Jhdt.) num. Bl. (3 Bl. fehlen); ein loses Pergamentbl. (ca. 7 x 14 cm) mit Ergänzung des Textes nach fol. L. Schriftspiegel: ca. 16,5 x 11,5 cm. Zweispaltig. Spaltenbreite: ca. 5,5 cm. 28 bis 36 Zeilen. Heller zinnoberroter Samteinband Ende 19. Jhdt. (etw. berieben, stellenw. geblichen). (200)
Schätzpreis: 24.000,- €
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Ergebnis: 22.000,- €


Das Hauptwerk des Jacobus de Voragine (auch Jacobus de Varagine, Iacopo da Varazze, Jakob von Varago, um 1229-1298), eine Sammlung von Heiligenviten, als „Legenda aurea“ bekannt, war durch ihre weite Verbreitung auch als Quelle für bildliche Darstellungen von eminenter Bedeutung für die spätmittelalterliche Vorstellungswelt und Heiligenverehrung. Zu den wichtigen Werken des Dominikaners und späteren Erzbischofs von Genua zählen aber auch drei einflußreiche Predigtsammlungen: „Sermones de sanctis et festis“, „Sermones de tempore“ und die in unserem Manuskript enthaltenen „Sermones quadragesimales“. Wie in seiner „Legenda aurea“ griff Jacobus dabei auf einen reichen Schatz an Zitaten aus der Bibel und der patristischen wie monastischen Literatur zurück. Es ist jedoch nicht genau bekannt, zu welcher Zeit Jacobus die Predigtsammlungen verfaßte. Sie entstanden wohl erst nach der „Legenda aurea“, zuletzt die „Sermones quadragesimales“, für die in englischen Manuskripten 1286 als Jahr der Vollendung angegeben wird. Bis heute bezeugen über 300 erhaltene spätmittelalterliche Manuskripte die Beliebtheit des Textes.

Unser Manuskript wurde in einem größeren Skriptorium gefertigt. Es ist durchgehend in einer gleichmäßigen zierlichen, teils stark gekürzten Buchminuskel geschrieben. Deutlich ist die Beteiligung mehrerer Hände erkennbar. Während der Schreiber am Beginn des Bandes (bis fol. 34) noch Merkmale des Schriftstiles am Ende des 13. Jahrhunderts aufweist, ist bei anderen Händen die Gotisierung schon etwas weiter fortgeschritten. Auch durch die engere oder breitere Linierung mit 28 bis 36 Zeilen variiert das Schriftbild. – Nur die F-Initiale am Beginn des Bandes ist mit Fleuronné und einen langen Fadenablauf verziert, von den übrigen, etwa zwei – bis sechszeiligen mennigroten Initialen sind nur einzelne, eher am Ende des Bandes, mit kleinen Blättchen versehen. Sie wurden, wie die Rubrizierung, erst nach Beendigung des Schreibvorganges eingetragen. Das Register am Beginn und die Foliierung in römischen Ziffern wurde dem Band erst mehrere Jahrzehnte nach seiner Fertigstellung hinzugefügt. Die Textstellen des Registers sind alphabetisch geordnet und beziehen die Zitate nicht nur auf die Folionummern sondern zusätzlich auf einen Buchstaben mit dem die entsprechende Textstelle am Rand gekennzeichnet wurde. Neben dem Register belegen Marginalien und Korrekturen in Schriften des 14. Jahrhunderts, daß unser Manuskript lange und gründlich benutzt wurde.

Unser Manuskript umfaßt den gesamten Text der insgesamt 96 Sermones quadragesimales. Zwischen fol. 50 und 51 kam es bei der Verteilung der Textvorlage auf verschiedene Schreiber zu einem Anschlußfehler, doch hat der erste Schreiber das fehlende Stück auf einem kleinen separaten Pergamentblatt ergänzt. Nur bei den fehlenden Blättern 99, 107 und 133 weist der Text tatsächlich Lücken auf. Beendet wurde die Abschrift mit dem gekürzten Schreibervers „Finis adest op(er)is m(er)cedem etc.“, also: das Ende des Werkes ist erreicht, ich fordere den Lohn der Arbeit (mercedem posco laboris).

Mit einer Datierung um 1300 ist das Manuskript den frühen Textzeugen zuzurechnen. Denn Giovanni Paolo Maggioni konnte seiner Edition nur fünf Handschriften zu Grunde legen, die von den Bibliotheken noch in das 13. Jahrhundert datiert wurden. Sie stammen aus den wichtigsten Regionen der Verbreitung des Textes, Italien und Deutschland. Für die insulare Überlieferung mußte Maggioni eine spätere Handschrift hinzuziehen. Als Entstehungsregion unseres Manuskriptes kommt vor allem Südfrankreich in Frage, wo sich im 13. Jahrhundert ein der italienischen Rotunda angenäherter Schrifttyp verbreitete. So mag sich das Zusammentreffen eines schlanken aufgerichteten und eines etwas breiteren runden Stils erklären. Auf eine mögliche südfranzösische Herkunft weist auch das Exlibris des dort beheimateten Schriftstellers und Übersetzers Julien Lugol (1837-1894), der wohl am Ende des 19. Jahrhunderts die neue Bindung besorgen ließ. Ob unser Manuskript tatsächlich in Südfrankreich entstand und so der frühen Überlieferung der Fastenpredigten noch eine unbekannte Facette hinzufügt, kann nur durch weitere paläographische und philologische Forschungen geklärt werden. – Es fehlen das letzte Bl. des Registers, fol. 99, 107 und 133; zwischen fol. 34 und 35 wurde bereits vor der Foliierung ein Bl. entfernt, an dieser Stelle gibt es keine Lücke im Text. – Wie für derartige Gebrauchshandschriften üblich, wurde Pergament verschiedener Qualität verwendet; einzelne Blätter wurden aus Randstücken der Haut gefertigt und ihr unregelmäßiges Format bereits beim Schreibvorgang berücksichtigt; doch weisen nur wenige Blätter natürliche kleine Fehlstellen oder kleine, teils alt genähte Einrisse auf. – Fol. 132 oben mit Abriß (kleiner Textverlust), wenige Bl. am Ende mit kleinen Randschänden, nur an wenigen Stellen etw. angestaubt und fleckig. – Die Vorsätze aus der Zeit der Bindung aus sehr feinem Pergament. – Exlibris Julien Lugol. – Insgesamt wohlerhaltener früher Textzeuge der in der Folgezeit stark verbreiteten Predigten zur Fastenzeit.

Literatur: Iacopo da Varazze. Sermones quadragesimales. Edizione critica a cura di G. P. Maggioni (edizione nazionale dei testi mediolatini 13. Serie I, 8). Florenz 2005.

Internetpublikation: http://sermones.net/content/jacques-de-voragine

 

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